Der lange Lauf - Meine Geschichte

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  • Laufen mit der Neoblase, so war meine verzweifelte Frage,die ich am 24.11.2006 als ersten Beitrag von mir in diesem Forum stellte. Heute, 6
    Monate später weiß ich es, es geht, ich laufe wieder, mit der Neoblase……..


    Am 6.5.2007 Halbmarathon in Mainz


    März 2006: ein recht kühler, aber sonniger Morgen , ich war mitten im Training für den Mainz- Marathon und hatte heute einen 14 KM- Waldlauf auf meiner Liste , ich genoss es, wie schon so oft, in den kühlen noch fast menschenleeren Wald hineinzulaufen, nur das schon beginnende Vogelgezwitscher und mein eigenes ruhiges Atmen in den Ohren. Nach etwa der Hälfte der Wegstrecke, verspürte ich schon den ersten Harndrang und nahm mir vor , hinter der kleinen Anhöhe, die nun begann ,dort oben hinter einem Busch, mich zu erleichtern. Ich ärgerte mich etwas über mich, weil mir eh in der letzten Zeit aufgefallen war, dass ich ungewöhnlich oft, auch zu Hause, auf Toilette mußte,ich führte das allerdings auf meine ebenfalls reichliche Flüssigkeitsaufnahme während des Lauftrainings zurück.


    Als ich nun so hinter diesem Busch stand und die letzten Tropfen von meinem „besten Stück“ abschüttelte, stutzte ich: war da eben nicht eine leicht rosa Farbe zu sehen, oder habe ich mich getäuscht? Sollte ich etwa Blut im Urin haben, oder hatte ich zu wenig getrunken und mein Urin war halt konzentrierter und damit auch dunkeler, hatte eben eine andere Farbe. Ich beschloss, von nun an etwas mehr auf die Farbe meines Urins zu achten und auch konsequent mehr zu trinken.


    Zuhause angekommen erzählte ich meiner Frau Ev von dem, was mir aufgefallen war und sie meinte, ich solle sobald als möglich einen Urologen aufsuchen, um das abzuklären. Ich beruhigte sie mit dem Hinweis, ich würde meinen Urin noch etwas weiter beobachten und wenn die Farbe nochmals auffällig sei, auch zum Arzt zu gehen, vielleicht hätte ich mich ja auch getäuscht. Im selben Augenblick aber ärgerte ich mich über mich, überhaupt etwas gesagt zu haben, wo ich doch weiß, wie ängstlich Ev auf solche Aussagen reagiert und wie schnell sie beim Arzt ist, um Abklärung zu bekommen. Ärzte oder Krankheiten waren überhaupt nicht mein Ding,ich bin schließlich 194cm groß, ein Marathonläufer, ein Leistungssportler und fit wie ein Turnschuh, auf der Höhe meiner Leistungsfähigkeit. Gut, ab und zu zwickt es halt im Kreuz und mit dem Sex läuft es auch nicht mehr so wie noch vor 30 Jahren, aber man ist ja auch schon 53 Jahre und für das Alter doch noch gut beisammen, was soll ich denn jetzt schon beim Arzt herumsitzen, verlorene Zeit, der findet eh nix! Außerdem hatte ich mir ja erst vor einigen Monaten meine PSA – Marker bestimmen lassen und es war nichts dabei herausgekommen, außer einer Rechnung über 30€, weil die Krankenkasse diese Untersuchung nicht übernommen hatte.


    Mein Lauftraining ging weiter, ich trank etwas mehr Wasser, beobachtete immer mal meine Harnfarbe und konnte mit Erleichterung feststellen, kein Blut im Urin, mein Harn war glasklar manchmal etwas gelbstichig, aber nicht mehr rosa oder gar rot. Ich lief den Mainz Marathon im Mai mit einer für mich guten Endzeit und reduzierte mein Laufpensum bis Anfang Juli, um mich dann wieder in das Training für den Münchenmarathon im Oktober zu stürzen. Davor lag noch ein kleiner 20km Volkslauf im September, auf den ich mich ganz besonders freute, weil dies der erste Wettkampf über diese Distanz in meiner Region sein sollte.


    Anfang August in der Firmenurinale dann der Schock, wieder, wie aus heiterem Himmel, rosa Urin und dann die letzten Tropfen Blut, reines rotes Blut. Ich war so verunsichert, so ungläubig, dass ich meinen Kopf fast ganz in das Urinale tauchte, um festzustellen, ob es auch wirklich von mir sei, dieses Blut oder von einem meiner Vorgänger, der nicht gespült hat. War es überhaupt Blut, oder war es nur eine zerquetschte tote Fliege, ein anderer Fremdkörper?


    Die nächsten beiden Tage wieder völlig normaler Harn, teilweise fast weiss, dann am dritten Tag, nach einem 10 km Powerlauf, wieder eine dunkele Farbe im Urin, diesmal nicht mehr rosa, sondern dunkelgelb, oder rot??


    Der Termin beim Urologen DR.J war nun unabdingbar und wurde gemacht in 14 Tagen, also Mitte August durfte ich antreten. Ich selbst war allerdings auch nicht untätig, ich suchte in Google, nach dem Laufe Blut im Urin und bekam eine ganze Menge Hinweise, die mich nun doch wieder beruhigten.


    Es war also bekannt, dass Langstreckenläufer öfter einmal nach einem Lauf Blut im Urin hatten, von Wund gelaufenen Blasenschleimhäuten und solchen Sachen war da die Rede, kein Grund zur Besorgnis also, das lässt schon wieder nach.


    Also wer sagt es denn, alles wie bei mir, meistens nach dem Laufen Blut im Urin und dann wieder kristallklare Flüssigkeit. Den Besuch beim Urologen könnte ich mir eigentlich sparen, aber jetzt wo ich eh einen Termin habe, gehe ich zwecks Absicherung mal hin.


    Die Zeit bis zum Urologen verbrachte ich ohne große Sorgen auch wenn ich ab und zu wieder rötlich gefärbten Urin hatte, ich wusste ja nun woher es kam. Dem Internet und Google sei Dank.


    Der Besuch beim Herrn DR.J lief dann auch entsprechend ab. Ich erklärte ihm meine Beschwerden, sagte ihm dass ich Langstreckenläufer sei und sagte ihm auch was ich im Internet gelesen habe. Er war nach kurzem Nachdenken ebenfalls der Meinung dass mein blutiger Urin vom Laufen kommt. Er erklärte mir noch wie das mechanisch ablaufen würde, mit Schleimhäuten, die aneinander reiben, sich entzünden usw. Er meinte, ich solle mir nicht so viele Gedanken machen, die Prostata oder Blasenkrebsrate wäre in meinem Alter verschwindend gering und es wäre ein großer Zufall, wenn ausgerechnet ich als Sportler das bekommen hätte. Nichtsdestowenigertrotz machte er einen Ultraschall von Blase und Niere , ordnete Laboruntersuchungen an und ein Röntgen der Blase unter Kontrastmittel. Dies geschah alles in den nächsten Tagen und war wie von ihm erwartet auch ohne Befund.


    Na also, hab ich´s doch gewusst, alles in Ordnung bei mir, nun kann ich mich in Ruhe und ohne Angst auf den München-Marathon vorbereiten.


    Oktober 2006, ich bin meinen Marathon gelaufen, es war der glatte Wahnsinn und beim Einlauf in das Olympiastadion, reines Gänsehautfeeling. Ich war glücklich und zufrieden an diesem Tag, wenn da auch etwas war, was ich in den letzten beiden Monaten verdrängt hatte. Das Blut im meinem Urin trat in dieser Zeit doch öfter und auch in den trainingsfreien Tagen auf, so langsam begann ich daran zu zweifeln, dass da nur das Laufen schuld sein solle. Ich beschloss, eine konsequente Trainingspause zu beginnen, um zu beobachten, ob eine Besserung meiner Situation eintreten würde.


    November 2006


    Es ist mir total schwer gefallen, 4 Wochen nicht zu laufen, an meinem Zustand hatte sich nicht viel geändert, Blut hatte ich immer noch im Urin und ich hatte den Eindruck ,dass er sogar etwas dunkeler als in der Vergangenheit war, einmal hatte ich für einen kurzen Moment sogar dunkelrotes Blut in meinem Harnstrahl und das, obwohl ich nicht mehr gejoggt bin. Es hat keinen Sinn , ich muss zum Urologen und zwar
    schnell. Ich machte einen Notfalltermin aus und konnte diesen auch schon in den ersten November-Tagen wahrnehmen. Der Urologe zeigte sich erstaunt über mein Erscheinen und bat mich um eine erneute Schilderung meines Problems. Er sagte darauf:“ ich kann ja noch mal nachschauen, aber Sie werden sehen, wir finden nichts, eine Spiegelung hätte ich Ihnen gerne erspart.“


    Ich sagte ihm, ich würde nun doch um eine Spiegelung bitten, wenn er auf dem Ultraschall wieder nichts sieht und er erklärte sich sehr ungern dazu bereit. Auf dem Ultraschall war tatsächlich wieder nichts zu sehen, DR.J meinte zwar, er könne nun doch eine kleine Unregelmässigkeit sehen, aber gefährlich sah es seines Erachtens nicht aus. Zur Sicherheit meinte er, machen wir nun doch eine Blasenspiegelung.


    Ich wurde in das Zimmer mit dem urologischem Stuhl geführt und gebeten, meinen Unterkörper freizumachen. Dann musste ich meine Beine in die beiden Halterungen des Stuhles legen, ich kam mir vor wie bei einem Frauenarzt. DR. J erklärte mir mit ruhigen Worten, dass er mir nun eine Flüssigkeit in die Harnröhre spritzen würde, damit diese betäubt sei und er mit dem Endoskop schmerzfreier in meine Blase sehen kann.DR. J hatte recht, ich merkte von der Blasenspiegelung bis auf ein mehrmaliges winziges Ziehen kaum etwas. Nach weniger als 10 Minuten war der ganze
    Spuk auch schon zu Ende. Fragend sah ich nun den Doc an und er meinte er hätte nun gefunden was er gesucht habe, zwei knapp erbsengrosse Papillome, nichts bösartiges wie er vermute, aber raus müssten die doch. Er würde gleich einen Termin zur stationären Aufnahme in den Unikliniken machen , seine Arzthelferin rief dann auch gleich dort an und bekam einen Termin zur TUR-B am 26.11.2006.


    Völlig verstört, aber noch guten Mutes (es war ja wohl nichts Bösartiges) verliess ich die Praxis.


    Das war am Freitag, dem 10.11.2006, am Montag, dem13.11.2006 machte ich noch mal einen Powerlauf von 16 km in meinem geliebten Wald und hatte dann prompt am Montagabend beim Toilettengang nur noch Blut, reines Blut im Klobecken und war zu Tode erschrocken, den so intensiv war es noch nie und vor allem, es hörte weder am Abend noch in der Nacht und auch nicht am andern Morgen auf. Es kam kein Urin mehr, sondern nur noch Blut.


    Am anderen Tag, also am Dienstag, ging ich zum Urologen und liess mich als Notfall in die Uni überweisen, es war Dienstag, der 14.11.2006.


    Nach den üblichen Routineuntersuchungen in der urologischen Notaufnahme bekam ich auf Station ein Doppelzimmer zugewiesen. Ich teilte das Zimmer mit einem jungen Mann, dem sie einen Nierenstein entfernt hatten, meine TUR war für Mittwoch geplant. Den Rest des Dienstages verbrachte ich noch damit, beim Anästhesisten vorzusprechen und die Art der Betäubung abzuklären. Ich entschied mich nach kurzem Überlegen für eine Spinalanästhesie. Es ist dies die Art der Betäubung, bei der nur die unteren Regionen des Körpers ohne Gefühl sind und man ansonsten bei einer TUR-B alles mitbekommt.


    Mittwoch den 15.11.2006


    Ich hatte eine unruhige Nacht , kein Wunder, ein fremdes Bett, ein fremder Mann in meinem Zimmer, und die Aussicht, für die nächsten Stunden oder Tage mich in fremde Hände geben zu müssen , nicht mehr Herr meiner selbst zu sein.


    Um 8:00 ging es dann zur OP. Nach den üblichen Vorbereitungen, die hier im Forum ja schon x mal beschrieben wurden, kam ich auf den OP – Tisch. An einem Monitor, der mir gegenüberstand, konnte ich den Eingriff sehr gut beobachten und bis auf ein leichtes, unangenehmes Ziehen, wenn der Operateur das Operationsfeld bearbeitet, hatte ich keine Schmerzen. Neben mir stand die Narkoseärztin bereit, um mich in das Reich der Träume zu befördern, wenn ich nur einmal „Aua“ gesagt hätte. Nach ca. 1 Stunde war der ganze Spuk vorbei und ich kam noch eine halbe Stunde in einen Ruheraum, danach ging es wieder ab auf mein Zimmer. Am gleichen Tag , gegen Abend, kam der behandelnde Arzt in mein Zimmer und teilte mir mit, dass er sehr viel Gewebe entfernt habe, mein linker Harnleiter schon zu 70% durch einen Tumor verschlossen war und er darum eine Schiene setzen musste. Er ginge jedoch davon aus , dass er alles bösartige Gewebe ausgeräumt habe. Jetzt müsse man den histologischen Befund abwarten und dann könne man weitersehen. Der Befund wäre jedoch nicht vor Freitag zu erwarten, es könne sogar Montag werden.


    Unterdessen ließ die Narkose langsam nach und ich konnte meine Beine schon wieder leicht bewegen, ab und zu schlief ich ein und wenn ich wach war, flachste ich mit meinem Zimmergenossen herum. So langsam spürte ich den Katheter in meiner Blase , er schmerzte bei jeder Bewegung, aber es war noch zu ertragen. Bis dann eine Stunde später dieser unerträgliche, dumpfe, pochende Schmerz in der Blase kam, der sich immer mehr verstärkte, so stark war, dass ich die Nachtschwester rufen musste. Diese kam, schaute meinen Urinbeutel, der an einem Stahlgestell hing an , fand nichts Ungewöhnliches, ging wieder hinaus und kam nach 1 Minute mit einer Riesenspritzenpumpe wieder. Mit diesem Ungetüm von Spritze, voller Kochsalzlösung, machte sie sich nun am Zulauf meines Katheters zu schaffen , öffnete diesen und knallte mir mindestens 300 ml Kochsalzlösung in die Blase. Ich wurde vor Schmerzen fast ohnmächtig und war schweissgebadet. Die Schmerzen gingen nicht weg, im Gegenteil, sie wurden immer schlimmer. Die arme Schwester mühte sich ab, aber ohne Erfolg. Nun musste doch ein Arzt her, der war auch recht schnell da und wiederholte die ganze Prozedur, ersetzte den Katheter durch einen mit einem kleineren Durchmesser und als dies alles nichts half, legte er mir eine Kanüle mit einem Morphinpräparat, welches mich schlagartig ins Reich der Träume versetzte. Das heißt, ich war die ganze Nacht über in einer Art Dämmerzustand und hatte keinerlei Schmerzen mehr. Im Unterbewusstsein bekam ich mit, dass die Schwester die ganze Nacht rannte und einen Beutel Kochsalzlösung nach dem andern an den
    Galgen neben meinem Bett hing. Meine Blase wurde die ganze Nacht mit Hochdruck gespült. Aber das war mir ja so egal, ich war erst mal high, ach, wenn das doch nur so bliebe.


    Donnerstag den 16.11.2006


    Wie durch ein Wunder, die Schmerzen waren fast weg, die high machende Wirkung des Morphins allerdings auch. Bei der Visite fragte ich die Ärzte nach dem Grund meiner Schmerzen in der Nacht, sie gingen von einer Tamponade, also einem Verschluss oder Harnstau aus ,verursacht von restlichem Blut oder Gewebeteilen, die nach der TUR noch in meiner Blase verblieben waren. Ich nahm die Auskunft kommentarlos hin. Den Rest des Tages verbrachte ich damit, Besuche zu empfangen, die Toilette mehrmals zu besuchen, und leichte Gehversuche über den Krankenhausflur zu machen.


    Freitag den 17.11.2006


    Heute hoffte ich vergeblich auf meinen histologischen Befund , die Ärzte vertrösteten mich auf Montag. Sch….. am Samstag wollte ich schon wieder zu Hause sein. Zu allem Überfluss wurde auch noch mein Zimmernachbar entlassen, das hieß, übers Wochenende Langeweile zu schieben.


    Samstag den 18.11.2006


    Heute hat Ev, meine Frau, Geburtstag, wir beschlossen nachzufeiern.


    Sonntag den 19.11.2006


    Der Tag war langweilig, ich hatte zwar Besuch, mein Chef war auch da, aber außer duschen, lesen und über den Stationsflur laufen hatte ich nichts zu tun. Abends dann gegen 22:00 Uhr kam ein neuer Notfallpatient und wurde zu mir ins Zimmer gelegt. Wir sprachen kurz miteinander, er erzählte, dass er im Mai eine Neoblase ( was ist das, ich hatte keine Ahnung) bekommen hätte und nun vermutlich einen Nierenstau habe. Ihm wurde wegen Krebs die Blase etc. entfernt.Wir unterhielten uns noch etwas über Neoblasen und wie so etwas funktioniert dann schliefen wir ein.


    Montag den 20.11.2006


    Heute würde ich mein Ergebnis bekommen und ich war so sicher, ich würde als geheilt nach Hause gehen können. Gegen 9:00 Uhr wurde ich zum Oberarzt gerufen, der mich entgegen meiner Überzeugung mit einem sorgenvollen und Mitleid ausdrückendem Gesicht empfing und mir ohne Umschweife die ganze grausame Wahrheit sagte.“ Ja, Herr B. das sieht gar nicht gut aus, sie haben Blasenkrebs und das schon in einem fortgeschrittenen Stadium, wir empfehlen die Blasenentfernung.“ Da war er, der Tritt, der Tritt der mich für einige Zeit aus meiner Bahn warf. Mir schossen 1000 Gedanken durch den Kopf, aber ich spürte in diesem Moment, ich würde keine Lösung finden, ich hatte Krebs, ich würde sterben und das mit 53 Jahren.
    Der Arzt gab mir noch das genaue Ergebnis des pathologischen Befundes bekannt, solider Blasentumor mindestens PT 1 G3. er erklärte mir nun auch die verschiedenen Möglichkeiten der Harnableitung und die der weiteren Therapie. Ich nahm das alles nur noch ganz entfernt wahr, obwohl ich es verstand , ich wollte nur noch eines: raus hier, niemanden mehr sehen, alleine sein mit meinem Kummer.
    Wie in Trance schlich ich in mein Zimmer zurück, gab meinem Zimmergenossen, der inzwischen Besuch bekommen hatte und mich fragend ansah, ein paar knappe Informationen, packte meine Tasche und verschwand.
    Vor der Klinik angekommen rief ich über mein Handy Ev an, die mir versprochen hatte mich abzuholen und erzählte ihr von der niederschmetternden Diagnose. Nach kurzem Schweigen kam ihre Antwort:“ du machst einen Witz , oder?“ Ich sagte ihr dass ich mit solchen Dingen keine Witze mache und legte auf, dann begann ich leise in mich hineinzuweinen.
    Innerhalb kürzester Zeit war meine ganze heile Welt zusammengebrochen und ganz besonders schlimm, für mich als Pragmatiker, ich sah keinen Ausweg, der mich auch nur im geringsten hätte zufriedenstellen können. Pest oder Cholera , ich hatte die Wahl. Zuhause angekommen warf ich meine Laufklamotten und die Laufschuhe weg, nur die roten Adidas, mit denen ich in München gelaufen war für Alexandra, die mit 35 Jahren schon Lymphdrüsenkrebs bekommen hatte und mitten in der Chemo war , die schob ich in den hintersten Winkel meines Schuhschrankes im Keller.


    Die nächsten Tage vergingen mit Besuchen bei verschiedenen Ärzten , ich wollte mehrere Meinungen über die Behandlungsmethoden meiner Krankheit einholen. Doch egal, mit wem ich auch sprach , es gab nur die wenigen Möglichkeiten, entweder Blasenentfernung mit allen Konsequenzen, also auch Prostata , Samenbläschen und Lymphknoten raus oder den Blasenerhalt mit der Unabdingbarkeit einer auf die Blase begrenzten Chemotherapie, eine Immuntherapie mit BCG und den entsprechenden Nebenwirkungen. Aber , in welcher Klinik, bei welchem Arzt ich auch vorsprach, keiner nahm mir die Entscheidung ab, keiner sagte:“ Manny, mach es so, oder mach es anders.“ Was habe ich da überhaupt erwartet?? Es wurde mir lediglich klar, wie unsicher und vor allem unterschiedlich doch manche Kliniken bei dem Thema Blasenkrebs mit meiner Diagnose T1 –T2 G3 umgingen. Die eine Klinik favorisierte eine radikale Blasenentfernung, die nächste war wieder für die organerhaltende Therapie. Abschliessend konsultierte ich noch einen bekannten Heilpraktiker, der übrigens der einzige war, der mir sagte was er machen würde , nämlich Blase raus. Er begründete seine Meinung folgendermaßen und ganz einfach:“ Herr B. sie haben da etwas in Ihrem Körper, das da nicht hingehört, es hat sich da breit gemacht und wird immer mehr von Ihnen Besitz ergreifen, es muss raus!! Werfen Sie es raus aus Ihrem Körper.“ Er versprach mir, mich bei der Schmerztherapie zu unterstützen, wenn ich mich für eine radikale Zystektomie entscheiden sollte.


    Ich recherchierte im Internet und überall das gleiche: es gab keine Lösung, mit der ich mich wohlfühlte. Ich meldete mich im Blasenkrebsforum an, auf das ich zufällig stieß und lernte Rainer , Eckhard , Rosemarie und die vielen anderen kennen. Rainer war mein erster Ansprechpartner in diesem Forum und siehe da, ich war schon nicht mehr so verloren, ich hatte Leidensgenossen.
    Rainer sprach Klartext, ( ja, Du alter Biker, danke!!) das tat mir gut und langsam, ganz langsam, begann ich etwas klarer zu sehen ,der Nebel begann sich zu lichten. Langsam, sehr langsam, begann ich mich zu entschließen, auf eine für mich ertragbare Lösung hinzuarbeiten. Ich begann nun abzuwägen, so wie es meine Art ist, dass Pro und Kontra einer Zystektomie zu durchdenken . Ich rief nochmals meinen Stationsarzt in der Uni – Klinik an, fragte ihn wiederum nach seiner Meinung und diesmal antwortete er so: „ Herr B. das ist kein Spiel mehr, T1-2 G3 ist eine ganz gefährliche Geschichte. Wenn mein Bruder in dieser Situation wäre , ich würde ihm auf jeden Fall zur Blasenentfernung raten!“ Hatte so etwas ähnliches nicht schon Rainer und Ecke geschrieben? Ich glaube jetzt, in diesem Augenblick, fiel meine Entscheidung die Blase muss raus. Ich wäre psychisch nicht stark genug ,eine jahrelange Tortur durchzustehen, mit Installationen , TUR –B, und immer dieser Ungewissheit, kommt er wieder der Krebs, ist er wieder in mir oder habe ich dieses mal Glück gehabt. Was ist mit den Nebenwirkungen einer Installationsteraphie , Schrumpfblase, Schmerzen und trotzdem die Ungewissheit der hohen Rezidivneigung bei Blasenkrebs. Nein, ich brauche Ergebnisse und Sicherheit , ich möchte mit beiden Beinen wieder auf der Erde stehen , ohne Blase, aber auch ohne Krebs, mit der Bereitschaft zu kämpfen, zu kämpfen gegen die Schmerzen nach solch einer OP, gegen die Komplikationen, die auftreten können. Ich möchte mein altes Leben wiederhaben, ich will wieder arbeiten , ich will wieder Essen gehen , ich will wieder mit meinem Cabrio und Ev durch das Elsass fahren und ich will wieder laufen, auch mit der Neoblase.


    Am nächsten Tag fuhren wir nach München zu unserer Tochter. Von dort aus rief ich einen Tag später die Uniklinik in Mainz an und machte einen Termin zur Blasenentfernung . Man hatte mir nach der TUR versprochen, mich bei der Terminplanung bevorzugt zu behandeln, so war es dann auch. Ich bekam einen Termin am 4.12.2006, das war ein Montag. Nach dem alle OP – Vorbereitungen abgeschlossen wären, sollte ich dann am 6.12.2006 auf den OP – Tisch, so wurde mir gesagt. Am Nikolaustag nehmen sie mir meine Blase weg , eine Blase die eigentlich 53 Jahre eine gute Blase war, sie war immer dicht und hat mich nie im Stich gelassen. Auch nicht nach den vielen Bierchen und Weinchen, die ich in meiner Jugend mit Freunden und Freundinnen in den Discos wegschluckte. Immer hatte sie sich pünktlich gemeldet und war mit mir auf vielen Hotel- und Kneipentoiletten in ganz Deutschland und nun würde ich mich am 6.12.2006 von ihr trennen müssen, am Nikolaustag…..


    Wir blieben vier Tage in München, ich wollte nach Hause, noch einige wichtige Dinge regeln vor der Operation. Jetzt, da ich mich entschlossen hatte, konnte ich mich wieder fühlen, ich konnte klare Gedanken fassen und war wieder handlungsfähig.
    Zuerst regelte ich all meine Verbindlichkeiten, stellte einen dicken Aktenordner mit Bankdokumenten, Lebensversicherungen, KFZ – Briefen usw. für EV zusammen, klärte sie über Onlinekonten und Zugriffsrechte auf, sie hatte sich davor immer gedrückt, der Manny hatte das ja immer gemacht.
    Nachdem ich mich schon länger entschlossen hatte, mir bei all meinen Freunden, Arbeitskollegen, der Firma, meinen Chefs, Hilfe durch offensives Verhalten zu sichern, informierte ich diese über meine Krankheit und über mein weiteres Vorgehen diesbezüglich. Später sollte sich herausstellen, wie richtig es war, völlig offen und ohne Scheu mit meiner Krankheit umzugehen. Es hat bei der Krankheitsbewältigung sehr geholfen und hilft mir immer noch. Klar war, dass jeder meiner Ansprechpartner überrascht und geschockt war, als ich ihnen von meiner Krebserkrankung und der Konsequenz daraus berichtete. Aber jeder sicherte mir sofort Unterstützung zu, vor allem meine beiden Chefs hielten alle Optionen ( arbeitsseitig ) für mich offen. Das war für mich erst mal die halbe Miete, zu wissen, dass die Firma hinter mir steht, es gab mir viel psychische Stabilität. Vor allem der Satz meines Oberbosses:“ Herr B. wir rechnen mit Ihnen, ich werde Sie im April mit in das neue Projekt einplanen“. Mensch Kinder, war das geil.
    Nun blieb noch etwas Zeit , ich ging noch mal in die Firma, besuchte meine alte Mutter und meldete meinen geliebten Volvo C70 ab, ob ich ihn jemals wieder fahren würde, im Sommer??


    Die Tage bis zum Krankenhaustermin vergingen sehr schnell, viele Gedanken hatte ich mir noch gemacht. Würde ich die OP. überleben , wenn ja, wie würde ich sie überleben. Würde ich jemals wieder der Alte sein , würde ich gelähmt werden, würde ich wieder aufwachen aus der Narkose. Alle Ärzte, mit denen ich noch sprach, wischten diese Bedenken vom Tisch, von wegen Marathonläufer, Ruhepuls 44, Nichtraucher, gute Konstitution usw. Beruhigen konnten sie mich nur wenig.


    Montag der 4.12.2006


    Ein kühler diesiger Tag , ich hatte, wie so oft in den letzten Nächten kaum geschlafen, ich konnte es mir nur schwer eingestehen: ich hatte Angst, eine wahnsinnige Angst vor diesem Tag, schon die ganze Zeit. Ev fuhr mich mit ihrem Kleinwagen in die Klinik, durch eine noch dunkele , kalte und nasse Stadt. Mir war kalt, nicht nur äußerlich. Diesen Weg würde ich heute zum letzten Mal fahren, mit meiner alten Blase.


    8:00 Uhr Ankunft in der Klinik. Aufnahmeformalitäten erledigen, Einzelzimmer ordern ( Kostete 85 Euro extra pro Tag ) ich wollte ein Klo für mich alleine und auch nur mein eigenes Schnarchen hören. Keine Chefarztbehandlung , die Art der Anaesthesie festlegen ( der Arzt war Marathonläufer) Schmerztherapie abklären. Thorax-, Lunge-, etc. Röntgen. Ein CT von Abdomen, Thorax und Lunge hatte ich vorher schon gemacht und mit in die Klinik genommen. EKG. und die ganze Prozedur, die hier im Forum alle Neoblasenträger kennen und die man hier x - fach nachlesen kann. Dann nach der Rückkehr auf Station gegen 13:00 Uhr, nicht wie erwartet ein anständiges Mittagessen, sondern die Ankündigung von Schwester Elke ( heißen alle Schwestern Elke??), dass morgen eine Koloskopie stattfindet und ich daher ab sofort abführen müsse. Was ist eine Koloskopie , hörte sich gefährlich an . Schwester Elke erklärte mir, dass dies eine Darmkontrolle ist, um zu sehen, ob mein Darm zur Neoblase taugt und krebsfrei, narbenfrei und unbeschädigt ist. Schwester Elke muss wohl mein enttäuschtes Gesicht bemerkt haben, denn sie bot mir noch eine Suppe an, die ich jedoch heroisch ablehnte. Auch über das, was nun kommen musste, wissen wir hier alle Bescheid und ich will es uns ersparen. Nur so viel: ich bekam fünf Beutel mit einem Präparat, dessen Name ich vergessen habe, die habe ich in mehreren Etappen mit je einem halben Liter Wasser in mich hineingeschüttet. Am andern Tag war ich dann dem Tode nahe, leer, hungrig und apathisch, willenlos eben und hatte nur noch den Wunsch, dass dieser ganze Mist, diese Qual, endlich hinter mir ist.


    Dienstag den 5.12.2006.


    Den halben Tag verbrachte ich mit hungern , telefonieren, lesen und dem Abwimmeln von irgendwelchen Ärzten, die irgendwelche Studien machten und diese alle gerade an mir ausprobieren wollten. Zwei dieser einfühlsamen und taktvollen Akademiker habe ich mir angehört. Die ersten beiden kamen im Team und wollten von mir wissen, wie ich zu meinem Blasenkrebs gekommen sei, wie ich es bemerkt habe und ob mein Urin anders gerochen hätte. Das ging ja noch.
    Der andere, ein sehr junger hübscher Arzt mit blonder Lockenpracht war da schon gefährlicher, er kam mit einer Schwester und wollte an mir ein Medikament zur Blutverdickung austesten. Das könne zwar auch zum Tode führen meinte er, aber wenn alles funktioniere, bräuchte ich nicht so viele Blutkonserven und das wäre besser für mich, ich wisse schon: wegen Aids und der ganzen anderen Risiken. Das Medikament wäre zwar in der Herzchirugie schon zugelassen, aber eben noch nicht bei schweren urologischen Operationen getestet. Ich hätte gute Chancen, dieses Medikament auch gut zu vertragen. Ich lehnte höflich ab und die anderen Studienaspiranten, die dann noch kamen, schmiss ich gleich raus.
    Am Nachmittag dann, die hatten mich wohl vorher vergessen, wurde ich zur Koloskopie gerufen.
    Es war inzwischen nicht nur meine Magen und mein Darm völlig leer, mein Kopf war es nun auch. Ich hatte eine völlige Leere in mir und war auch psychisch stark lädiert, konnte ich es doch einfach nicht begreifen, wie Ärzte in einer Klinik mit einem Schwerkranken, dem Tode geweihten Menschen umgingen: Studien machen wollten, weil das Alter und die Fitness des Patienten nun mal in solch eine Studie passten. Mit einem Blasenkrebspatienten im statistischen Durchschnittsalter mit der Durchnittsfitness hätte man solche Medikamentenstudien wohl nicht machen können und dies bekam ich in den Gesprächen mit den Ärzten öfter zu spüren. Die waren geradezu geil auf mich.


    Nun, der Bau, in dem die Koloskopie stattfinden sollte, war nur einige hundert Meter von der Urologie entfernt und ich schlurfte, versehen mit meinen Röntgenbilder, der Krankenakte und einem Buch so gegen 14:30 an die Anmeldung. Ich hatte mir angewöhnt, immer etwas zum Lesen mitzunehmen, den egal, wo ich auch hin musste, zum Röntgen, zum Ultraschall, zum EKG, den größten Teil meiner Zeit verbrachte ich mit Warten auf gebohnerten und nach Wachs riechenden Krankenhausfluren.


    Auch hier musste ich, nachdem ich mich angemeldet hatte über eine Stunde warten, bis ich in den Behandlungsraum gerufen wurde. Der Raum bestand aus einigen Röntgengeräten und Monitoren, die um eine Liege in der Mitte des Raumes aufgebaut waren. Zwei hübsche junge Frauen empfingen mich. Ich musste mich völlig ausziehen und bekam einen grünen Kittel, der hinten offen war, zum Anziehen, dann wurde ich gebeten, mich auf die Liege zu legen auf der ich dann festgeschnallt wurde. Hier nun liegend bekam ich einen dünnen langen Schlauch, der wohl mit Vaseline eingeschmiert war, in mein Hinterteil eingeführt. Man, war mir das vielleicht peinlich. Wäre ich vom Essensentzug, dem Abführen und von meiner Gesamtsituation her nicht so down gewesen, ich wäre schreiend weggelaufen. Durch diesen Schlauch wurde nun ein Kontrastmittel in meine Därme gepumpt. Es war ein ekelhaftes Gefühl, in etwa so, als ob man einen Korken im Leib hat der mit aller Gewalt wieder heraus will, aber nicht darf . Mit meinem ganzen Willen versuchte ich, diese Soße in mir zu halten. Die beiden Mädels, eine Ärztin und ihre Assistentin, ermunterten mich auch dazu. Während dieser Prozedur fing die Liege an sich zu bewegen, ich wurde fast auf den Kopf gestellt, wurde zur Seite gekippt und nahm zwangsläufig jede Menge anderer Stellungen mit diesem Wunderliegending ein. Mir war schon schlecht, jetzt ging es mir dreckig. Auf einem der Monitore konnte ich beobachten, wie das Kontrastmittel hell leuchtend in meine Därme floss. Ab und zu wurden durch die Röntgenassistentin Aufnahmen davon gemacht. So richtig zufrieden schien die Ärztin jedoch nicht zu sein, sie sah wohl zu wenig. Jedenfalls blies sie mir nun auch noch Luft in den Darm, so dass ich nach einigen Luftstössen das Gefühl hatte, zerplatzen zu müssen. Dann wurde ich ca. 20 Minuten in einer irrigen Schräglage liegen gelassen, bis das Kontrastmittel in meinem ganzen Gedärm verteilt war. Danach wurden in 10-15 verschiedenen Stellungen Röntgenaufnahmen gemacht, mit dem Ergebnis, dass mein Darm neoblasentauglich war und nirgendwo eine Metastase gefunden wurde. Zum Abschied bestätigte mir die Röntgenassistentin noch, dass ich einen wundeschönen Darm hätte. Dies jedoch interessierte mich wenig, ich musste sofort auf die Toilette und auf dieser verursachte ich dann Geräusche, die an den Kriegslärm 1943 vor Stalingrad erinnert haben dürften. Gegen 17:30 war ich dann, völlig fertig wieder auf meiner Station. Ich bekam zum Trost von Schwester Gabi einen Tee und das Kommando, nicht mehr zu viel zu trinken wegen der Operation morgen.


    Nachdem ich mich ein bisschen gefangen und erholt hatte, rief ich Ev an, um ihr den ganzen Ablauf zu erzählen, mich bemitleiden und wieder aufbauen zu lassen. Das hat sie immer und mit Bravour getan und tut es heute noch. Und überhaupt, wie stark sie doch war, eigentlich war ich es, der in den 32 Jahren unserer Partnerschaft der ruhige, sachliche und rationale Teil war. Ev stand eher für das Emotionale, Ängstliche und Unsichere und ich war immer darauf bedacht, sie nicht zu überfordern. Was Ev allerdings in der Zeit meiner Krankheit und auch danach leistete und wie cool sie sich verhielt, alle Achtung. So hatte selbst diese Krankheit noch etwas Gutes, ich lernte Evchen neu und von einer ganz anderen Seite kennen. Nach 32 Jahren !!
    So, nun war es bald so weit, noch 13 – 14 Stunden und die Operation würde beginnen. Mir würde die Blase entfernt und mit ihr hoffentlich der ganze be schissene Krebs. Ab jetzt war jeder Toilettengang zum Wasserlassen ein kleiner Abschied, ein Abschied von meiner treuen Blase, die vom Krebs überfallen wurde und daher raus musste.


    Die Operation:


    Den Abend vor der Op. verbrachte ich mit Fernsehen, Lesen, Telefonieren und immer wieder nachdenken. Ich dachte an das Operationsvorbereitungsgespräch, welches ich gestern Abend mit Dr.Möllner hatte, an die Fragen, die er mir stellte, nach der alternativen Harnableitung, falls in der Harnröhre, oder was weiß ich wo noch, Metastasen gefunden würden. Ich dachte an den Satz, den er sagte, als er meinen Bauch ansah: ein schöner flacher narbenfreier Bauch, das hat man selten und das macht die Sache einfacher.


    Meine Gedanken schweiften weg von meinem Buch, zur Stomaberaterin, die mich noch besucht hatte und mir mit wasserfester Farbe zwei blaue Punkte auf den Bauch gemalt hatte. Nur so zur Sicherheit, falls das mit der Neoblase nicht klappen sollte, von wegen Ausgang für den Anschluss eines Urinbeutels. Ich dachte an Evchen, die jetzt bestimmt auch nicht schlafen konnte, ja und ich dachte daran einfach aufzustehen, meine Sachen zu packen und diesen ganzen Scheiss-Krebs einfach zu negieren.


    Gegen 23:00 duschte ich, vorsichtig, um meine wasserfesten blauen Punkte nicht zu verwischen , putzte die Zähne und legte mich dann schlafen. Ich schlief trotz der Schlaftablette, die mir die Schwester vom
    Nachtdienst ( sie hieß nicht Elke!!) noch gebracht hatte, nur sehr schwer ein.


    Mittwoch den 6.12.2006


    „Die Nacht war traumlos kurz und schwer“ , so heißt es im Text eines alten Pfadfinderliedes, das traf auch auf meine Nacht zu, als mich gegen 5:30 die krankenhaustypischen Geräusche: Türen schlagen, Rollwagen rollen, Schwestern über den Flur trippeln aus meinem Halbschlaf rissen.


    Ich schaltete mit der Fernbedienung den Fernseher ein, steckte aber die Ohrhörer nicht in meine Ohren, ich wollte nur Licht und etwas anderes sehen als meine drei kahlen Krankenhauswände.


    Einen kurzen Augenblick richtete ich mich im Bett auf, verharrte auf der Stelle, schwang dann meine Beine über die Bettkante, der Boden war kalt , mir war kalt. Ich hatte Angst, ich merkte es auch an dem dicken Kloss , der plötzlich in meinem Hals zu stecken schien. Ich ging in das Bad und putze die Zähne, wusch mich und sah im Spiegel auf meinen nackten haarlosen Körper, den ich am Abend vorher, auf Anweisung der Schwester, schon gründlich rasiert hatte. Ich hatte fast das Gefühl einer Hinrichtung , ja, so wie ich musste sich ein zum Tode verurteilter fühlen, der in irgendeinem Staatsgefängnis der USA auf seine Stunde wartet.


    Ich schlich wieder in mein Bett zurück und zog mir widerwillig die Thrombosestrümpfe über beide Beine, ekelhaft, wie eng die Dinger meine Beine umschlangen und wie das juckte. Gegen 7:00 betraten zwei Schwestern mein Zimmer, wünschten einen guten Morgen , von einer der Schwestern bekam ich die berühmte LMAA Tablette, die ich durch Rainers Bericht im Forum schon kannte. Ich hoffte darauf, dass die Wirkung dieser Wundertablette gleich einsetzt, damit ich möglichst schnell aus meinem emotionalen Durcheinander, in dem ich mich nun befand, herauskam, es war aber leider nicht der Fall.


    Ich versuchte, mit den Schwestern noch ein paar Witze zu machen, was mir diesmal jedoch völlig misslang, dann wurde ich mit meinem Bett aus meinem Zimmer heraus und Richtung Fahrstuhl geschoben. Der
    Operationssaal lag im Erdgeschoss, ich hatte mein Zimmer im 2. Stock. Die Schwestern fuhren mit meinem Sonderbett (es war am Fußende wegen meiner Körpergröße von 194cm um ca.30 cm verlängert) elegant um die Kurven und nutzten jeden kleinen Freiraum, um zu rangieren. Im Erdgeschoss angekommen wurde ich in einen Vorraum des Operationssaales geschoben. Die Tablette, die ich bekommen hatte, schien gar nicht wirken zu wollen, ich war fast hellwach, aber hatte doch gleichzeitig das Gefühl, in einem Film der Hauptakteur zu sein. Auf der anderen Seite des relativ großen Raumes wurde noch eine Patientin von mehreren Schwestern und Ärzten oder Pflegern zur OP vorbereitet.


    Auch an mir wurde kräftig durch mehrere Personen herumhantiert. Ich bekam zwei nach Pfefferminz schmeckende Fläschchen, deren Inhalt ich schnell trinken musste , es war ein Mittel gegen Brechreiz oder
    Sodbrennen, wie mir die Narkoseärztin auf Nachfragen erklärte, damit während der Op. mein Magen nicht rebellieren konnte und ich eventuell ersticken könne. Nun musste ich mein sicheres Bett verlassen und wurde auf eine fahrbare Liege umquartiert, mein Rücken wurde mit Alkohol abgerieben und ich musste mich in eine leicht gebeugte Position begeben, eine Ärztin legte den Zugang zum Spinalnerv (für die spätere Schmerztherapie), an meinen Armen wurden Venen gesucht, in meinen Mund wurde geschaut und ein Arzt lobte die Größe meines Rachens: „ja , da haben wir genug Platz“ ( wohl wegen der Beatmung). Ich wurde mit warmen Decken abgedeckt und eine weitere Ärztin setzte eine Spritze in meine Armvene. Das letzte was ich sah war die große weiße Uhr über der Tür mit einem weißen Ziffernblatt und den dicken schwarzen Zeigern, die im Takt unaufhaltsam weiterwanderten: ticktack, ticktack, ticktack, es war
    genau 8:00 Uhr ................


    19:10 Wieder eine weiße Uhr über einer Tür, war das die andere Welt, war das der Tod? Nein , es war das Leben, es war die Intensivstation!


    Von ganz weit her hörte ich eine leise Frauenstimme, die mir zurief:“ Herr B. alles in Ordnung, die OP. ist gut verlaufen.“ Nun wusste ich, ich war noch da, ich lebte. Hinter meinem Bett wieselte ein junger Mann
    und fummelte an einem der vielen Schläuche und Kabel herum, die aus meinem Körper herauskamen. Als er mich fragte, ob ich Schmerzen hätte, wusste ich, dass es der Arzt vom Schmerzdienst war. Nein, ich hatte keine Schmerzen, ich wollte meine Ruhe, ich war ja noch gar nicht richtig da, die Narkose wirkte noch. Der junge Arzt war allerdings sehr aufdringlich und schloss trotz meines passiven Widerstandes die
    Schmerzpumpe an und stellte sie ein, dazu fragte er mich immer wieder das gleiche: ob ich denn Schmerzen hätte. Der Mensch nervte mich und er hatte es nur der Tatsache zu verdanken, dass ich wieder einschlief, sonst hätte ich ihn ....ich weiß nicht, was ich hätte, ich hätte wohl gar nichts gemacht, nichts machen können.


    Ich lag im Dämmerschlaf und hatte einen höllischen Durst, ich wachte immer nur dann kurz auf, wenn sich das Gesicht einer wunderschönen Schwester ( in welches ich mich sofort verliebte) über mich beugte und mir mit einer wohltuenden Creme die Lippen kühlte. Zu trinken bekam ich trotz meines kläglichen Bettelns nichts. Die Wirkung der Creme hielt auch nicht lange an , so dass ich froh darüber war, immer wieder einzuschlafen. In einer dieser Wachphasen versuchte ich, meine Zehen und dann die Beine zu bewegen und ich merkte, es ging , ich war glücklich, gelähmt schien ich also nicht zu sein. In dieser Nacht wurde ich von Schwester Bärbel, so stand es auf dem Namensschild ihres Kittels, noch öfter geweckt. Es wurden Blutwerte gemessen, ich bekam zwei Bluttransfusionen, weil sicherlich meine Werte nicht stimmten, und eine Menge anderer Mittelchen von ihr verabreicht. Irgendwann bin ich dann doch noch richtig eingeschlafen und wachte auf, durch das übliche, schon beschriebene Rumoren auf dem Krankenhausflur.......



    Donnerstag den 7.12.2006 (1. postoperativer Tag)


    Ich wusste gar nicht, dass es auf einer Intensivstation so laut sein konnte oder durfte, diese Intensivstation unterschied sich nur durch die technischen Geräte, dem Monitor, der meine Herzfrequenz aufzeichnete, dem supermodernen elektrischen Bett und dem sichtbar hochqualifizierten Personal, welches sich sehr um mich bemühte, von der Normalstation. Meine geliebte Schwester Bärbel ( alle heißen wirklich nicht Elke) hatte Schichtende und ein junger, ebenfalls sehr netter und korrekter Pfleger übernahm die Frühschicht. Erst jetzt nahm ich das nerventötende Piepen hinter mir war, spürte ich den Widerstand, der jedes Mal dann einsetzte, wenn ich atmen wollte und immer wieder fiel ich einen schlafähnlichen Dämmerzustand. Von ganz weit her hörte ich die Stimmen des Pflegepersonals und das Aneinaderschlagen von metallischen Gegenständen. Hallo Herr B. aufwachen ! Die Stimme war weit weg, aber der junge Pfleger stand ganz nah an meinem Bett. Wieder erwachte ich und sah den Pfleger an. Herr B., ich glaube, Sie können nun alleine atmen, wir können den Beatmungsschlauch entfernen! Er fuhr die Rückenlehne des elektrischen Bettes etwas hoch und fing an, den wie mir schien, ewig langen Beatmungsschlauch aus meiner Nase zu ziehen. Zuerst dachte ich ersticken zu müssen, ein starker Brechreiz wurde ausgelöst, das Schlucken fiel mir schwer und tat weh, doch dann nach wenigen
    Atemzügen ging es wieder besser mit der Atmung und mit meinem Befinden. Der Pfleger verschwand und ich schlief erschöpft wieder ein, immer dieses Piepen hinter mir im Ohr.


    Wieder wurde ich geweckt, wieder der höfliche korrekte Pfleger, dieses mal kam er mit einer Waschschüssel und wusch mir mit einem Waschlappen das Gesicht ab, ich versuchte etwas von der Feuchtigkeit des
    Waschlappens einzusaugen, lies es aber gleich wieder sein, denn der Waschlappen schmeckte nach Seife. Auch die nächste Möglichkeit etwas Trinkbares zu erhaschen, zerschlug sich, der Pfleger putzte mir zwar
    die Zähne, ließ mich auch spülen, sah aber genau zu, als ich spülte, also keine Chance, mal einen kurzen und kräftigen Schluck aus dem Zahnbecher zu nehmen. Nun ging es daran, die Betten zu machen und auch mich verschonte man davon nicht, wie ich zuerst hoffte. Dazu kam der Pfleger in Begleitung einer Schwester ( nicht ganz so süß wie meine Bärbel) und gemeinsam rollten sie mich von einer Bettseite auf die andere, damit sie mein Bettlaken wechseln konnten, welches auch schon fühlbar feucht geworden war. Woher, das sollte ich erst später ergründen. Das nächste Mal wurde ich wach, als mich ein netter Arzt, er war wohl so um die 60, mit seinen gütigen warmen Augen ansah, es war ein Professor, der mit seinem Team Visite machte. Er lies sich von seinem Oberarzt Bericht erstatten und sagte mir, dass ich in einer recht guten körperlichen Verfassung sei, eigentlich heute schon die Intensiv verlassen könne , wegen schlechter Transportmöglichkeiten aber noch bis Morgen bleiben dürfe. Dies war mal wirklich ein Arzt, der Vertrauen, Kompetenz und eine sagenhafte Güte ausstrahlte. Als diese Abordnung mein Zimmer verlassen hatte, fing ich an, wieder etwas klarer denken zu können, das Narkosemittel schien ganz langsam an
    Wirkung zu verlieren.


    Ich schaute mich an und entdeckte an meinem linken Handrücken eine bunte Dauerkanüle, die aussah wie ein Schmetterling. In meinem linken Handgelenk steckte ein dünner Schlauch, aus meinem Hals auf der rechten Seite kam der zentrale Venen-Katheder, über den ich mit allen wichtigen Medikamenten versorgt wurde. Ich schlug mit Mühe meine Bettdecke zurück, aus dem riesigen Pflaster, welches meinen ganzen Bauch bedeckte, kamen eine Unmenge an Kabeln und Schläuchen heraus, die ich noch nicht richtig zuordnen konnte. Links von mir stand der Monitor, von dem dieses komische Piepen herkam, es war wohl das EKG – Gerät. Also die Saugnäpfe auf meiner Brust, in denen viele der Kabel steckten, gehörten zu dem EKG–Apparat, so viel realisierte ich in meinem Dämmerschädel doch schon wieder. Die Schläuche, die aus meinem Bauch kamen, führten alle zu einem Galgen, der rechts neben meinem Bett stand. Der Galgen hatte auf drei Ebenen mehrere Haken, an denen unten und in der Mitte eine Menge Beutel
    hingen. Die obere Etage des Galgens war mit verschiedenen Infusionsflaschen und Beuteln bestückt. Später sagte mir ein Arzt:“ oben hängt das, was in den Körper rein muss und unten das, was wieder raus
    muss.“


    Nun sah ich auch, woher die Feuchtigkeit auf meinem Bettlaken kam, der ganze Bauchverband war völlig durchnässt und auch mein Krankenhaushemd war auf der linken Seite klatschnass. Ich nahm mir vor, den Pfleger zu informieren sobald er wieder nach mir sah.


    Die Schiebetür zu meinem Raum bewegte sich und es schwirrte, nein es rauschte, eine recht junge, vor Elan sprühende Ärztin grußlos herein. Auf dem Namensschild ihres weissen Kittels stand DR. P. In ihrem
    Schlepptau hatte sie einen jungen Mann, allerdings sprühte dieser nicht vor Elan und er war auch grün bekittelt. Bevor ich etwas sagen konnte wegen meines durchnässten Verbandes, sagte sie in einem scharfen Kommando-Ton zu dem Mann im grünen Kittel:“ so, messen Sie mal den Urin-Menge, Sie haben das ja gelernt und das alle zwei Stunden, machen Sie Aufzeichnungen und dann geben wir Novalgin gegen die Schmerzen. Sie lupfte meine Bettdecke, ( mich hatte sie noch immer nicht zur Kenntnis genommen), drehte mir dann den Rücken zu, schaute in meine Krankenakte, die hinten auf dem Tisch lag und schwirrte wieder hinaus, jedoch nicht ohne vorher - so im Vorbeischwirren - auf den EKG Monitor geschaut zu haben. „ Seit wann haben Sie denn Herzrhythmusstörungen?“ fragte sie, mir blieb nur noch die Antwort:“ seit eben, als Sie das gesagt haben, ich hatte vorher nie welche, ich bin Sportler“. Schwupps, weg war sie und der arme junge Mann im grünen Kittel machte sich völlig unsicher und hilflos an einem meiner vielen Beutel zu schaffen.


    Ich bekam Angst, spinnen die denn hier, was wollen die denn auf Intensiv mit mir machen? Ich fragte den jungen Mann, wer er sei und es stellte sich heraus, dass er kaum Deutsch sprach, es war ein Gastarzt aus der Ukraine, der sich sichtlich unwohl in der ihm zugedachten Rolle fühlte. Ich untersagte ihm scharf, auch nur den kleinen Finger an mich zu legen und verlangte den Chefarzt zu sprechen. Und Novalgin wolle ich schon gar nicht, ich lasse doch nicht an mir herumpfuschen, bin doch kein Versuchskaninchen.


    Jetzt hatte ich auch noch Herzrhythmusstörungen, ich, der Marathonläufer. Verzweifelung wollte mich übermannen, was hatten die während der OP. falsch gemacht, war etwas doch nicht so gut verlaufen?
    Plötzlich hörte ich eine Stimme auf dem Flur, eine Stimme, die so wohl klang, die ich schon hunderte, nein tausende Male gehört habe und diese Stimme bekam ein Gesicht und steckte, während sich der Grünkittel trollte, dieses durch einen Spalt an der Schiebetür meines Zimmers. Es war Evchen, es war meine kleine geliebte Ev, der ich ja eigentlich verboten hatte, mich auf Intensiv oder der Wachstation zu besuchen. Ich wollte nicht, dass sie mich in einem schlechten Zustand sieht, mit den vielen Beuteln usw. Nun war ich froh, dass ihre Sorge um mich größer war als ihr Respekt vor meiner Bitte.


    „Stell Dir vor“, eröffnete sie das Gespräch, „wen ich eben getroffen habe: den W. - mein Blick war fragend – ja, den Professor W., mein ehemaliger Chef in der 2. Med. ( Ev hatte 25 Jahre in der 2. Med. Klinik
    gearbeitet), er ist jetzt Chefarzt der Intensivstation.


    Ich freute mich wahnsinnig und erklärte Ev, was ich soeben erlebt habe , sie flitzte aus der Tür und kam 5 Minuten später mit dem Arzt ´zurück, der diese warmen gütigen Augen hatte, es war Professor W. Ich erzählte ihm von der jungen Ärztin, meinen vermeintlichen Herzrhythmusstörungen und er schaute auf den Monitor. Dann sagte er geringschätzig nur einen Satz:“ Forget it! Sie hatten eine 10-stündige Narkose dass da Ihr Herz ein paar Sprünge macht, ist völlig normal. Die Kollegin ist manchmal etwas übereifrig.


    Ev und der Prof. tauschten noch ein paar Belanglosigkeiten aus, alte Klinikerinnerungen, wer arbeitet noch da, wer hat woanders hingewechselt, was hat sich verändert. Bevor der Prof. verschwand ( echte Prof. haben wohl nie Zeit) bestätigte er Ev nochmals meinen guten Allgemeinzustand, was uns beide sehr beruhigte und in mir eine Initialzündung auslöste. Ja, ich würde kämpfen und der richtige Kampf begann jetzt, auf der Stelle. Als Ev ging, gab ich ihr das Siegeszeichen mit auf den Weg. Ein V , Zeigefinger und Mittelfinger zu einem V gebildet: Victory, Sieg. Ich würde siegen!!



    Übrigens, den armen ukrainischen Gastarzt habe ich nie wieder gesehen. Die junge Ärztin sah ich einen Tag später bei der Visite von Prof. W. wieder, sie war sehr nett und zugänglich, plötzlich konnte sie guten Tag und auf Wiedersehen sagen. Von Rhythmusstörungen hat bis heute keiner mehr gesprochen und Novalgin habe ich auf der Intensivstation nicht bekommen. Erst später auf der Wachstation, immer mal zwischendurch, wenn die Schmerzpumpe nicht mehr ausreichte und dies war sehr selten. Am Abend kam ein Arzt aus der Urologie und wechselte mir den völlig durchnässten Bauchverband. Die Nässe kam von dem linken Schlauch in meinem Bauch, der nicht 100% dicht abschloss, über diesen floss die Lymphflüssigkeit in einen der Beutel neben meinem Bett.


    Freitag den 8.12.2007 ( 2. postoperativer Tag)


    Gegen 15:00 wurde ich zurück in die Urologie verlegt, dort kam ich auf die Wachstation , ich lag alleine in einem Zimmer und wurde sofort an das EKG und an ein Blutdruckmessgerät angeschlossen, der Schlauch in meinem linken Handgelenk ( es war der für die elektronische Blutdruckmessung) wurde mir noch auf der Intensiv entfernt. Die Blutdruckmessung erfolgte nun über eine Manschette am Oberarm, welche sich alle 20 Minuten mit einem lauten Geräusch aufblies und mich jedes Mal erschrocken aus dem Halbschlaf holte. Ich bat zwar die diensthabende Schwester, mir diesen Nerventöter zu entfernen, sie aber lehnte mit dem Hinweis auf ihren Überwachungsauftrag höflich ab. Sie verließ das Zimmer und ich murmelte ihr noch so etwas wie „ zum Wohle des Patienten“ hinterher. Dieses blöde Blutdruckmessgerät ging mir total auf den Keks, meine Rettung war dann Oberarzt Dr. Gilizer, mein Hauptoperateuer, der nach mir sah und den ich bat, mir diesen Nerventöter abzunehmen. Ab diesem Zeitpunkt wurde nur noch einmal am Tag der Blutdruck gemessen. Das wichtigste jedoch für mich war, ich hatte Ruhe und konnte ab und zu schlafen.


    Hunger verspürte ich in meinen Wachphasen kaum, ich hatte ja eine Magensonde in der linken Seite meiner Bauchdecke, über die ich künstlich ernährt wurde. Aber dieser Durst, der Durst war unerträglich, ich wäre sehr gerne ein Held gewesen, der sicher in der Lage gewesen wäre, dieses schlimme Gefühl des Durstes zu ignorieren, ich war aber keiner.


    Als die Schwester kam, fragte ich sie, ob ich etwas zu trinken bekommen könne, sie lehnte ab und kam etwas später mit einem Päckchen Wattestäbchen zurück. Feuchte Stäbchen mit Zitronengeschmack, ich sog
    gierig daran, aber es kam kein bisschen Flüssigkeit und der Zitronengeschmack konnte meinen Durst weder löschen noch lindern.


    Am Abend kam zur Schichtablösung ein Krankenpfleger, ein netter Kerl, er erzählte mir, dass er Kroate sei und im Serbisch – Kroatischen Krieg Sanitäter war. Ein Beweis, dass er ein guter Sanitäter war würde er mir bald liefern.


    In der Nacht kamen die ersten Schmerzen im Unterleib und ich musste öfter einmal meine Schmerzpumpe betätigen, so hielt ich die Schmerzen im Zaum. Leider musste ich auch mehrmals meinen Kroaten rufen, denn ich bekam leichte Kreislaufprobleme und Brechreiz , was durch eine Spritze, die der Pfleger in eine der Infusionsflaschen gab, bald wieder behoben war. Die Nacht wurde trotzdem unruhig und die ständige Rückenlage bereitete mir langsam Probleme. Evchen war heute nicht da.


    Samstag den 9.12.2006 (3. postoperativer Tag)


    Die Treppenhausbeleuchtung des der Urologie gegenüberliegenden Hochhauses, welches ich durch ein Fenster meines Krankenzimmers sah, schaltete sich ein . Gespannt beobachtete ich den Teil des
    Treppenhauses, welchen ich einsehen konnte, ob ich jemanden sah. Vielleicht eine der türkischen Putzfrauen, vielleicht eine schicke Ärztin, doch es war nichts zu erkennen. Ich hatte kaum geschlafen, hatte
    Schmerzen im Bauchbereich und immer noch diesen furchtbaren Durst. Dazu kam, dass sich jetzt auch ein unangenehmes Ziehen in meinem Darm meldete, irgendetwas war da, irgendein Fremdkörper. Ich fasste mit der rechten Hand, so gut es ging, zwischen meine Beine und konnte einen langen Schlauch spüren, der aus meinem After herauskam. Dieser Schlauch mündete allerdings nicht in einen Beutel, er lag frei neben meinem rechten Oberschenkel und ich konnte ihn noch nicht zuordnen. Später erfuhr ich dann, dass es sich um ein Darmrohr handelte, welches den Zweck erfüllte, die entstehenden „warmen Winde“ abzuführen, damit es nicht zu Blähungen und damit zu Belastungen meines ohnehin lädierten Darmes kommen kann.


    Gegen 8:00 betrat dass erste menschliche Wesen in Form einer schweigsamen Schwester mein Krankenzimmer. Sie machte mir in sehr gebrochenem Deutsch und mit dem minimalsten Aufwand an Worten
    begreiflich, dass ich versuchen solle aufzustehen. Meinen sofort aufflackernden Widerstand ignorierte sie, indem sie einfach meine Bettdecke zurückschlug und fast akzentfrei das Wort „versuchen“ sagte.


    Was blieb mir anderes übrig. Mit einer immensen Anstrengung, unter starken Schmerzen in der Bauchmuskulatur, schaffte ich es, mich im Bett aufzurichten und langsam meine Beine über die Bettkante auf den Boden baumeln zu lassen. Sofort wurde mir schwindelig, die Schwester hielt mich und ich versuchte meinen Blick geradeaus zu halten, nicht auf den Boden, denn wenn ich das tat, fing in meinem Kopf sich alles an zu drehen und ich war einer Ohnmacht nahe.


    Mehrer Minuten vergingen, in denen mein Organismus versuchte, sich an die neue Körperhaltung zu gewöhnen. Als dies einigermaßen geschehen war, versuchte ich mit zusammengebissenen Zähnen und unter Aufbieten meines ganzen Willens aufzustehen, mit einem Ruck stand ich. Sofort wurde mir wieder schwindelig, was aber diesmal nach wenigen Sekunden nachliess. Gestützt auf die Schwester, die in der anderen Hand den fahrbaren Galgen mit meinem ganzen „Reisegepäck“ (den ganzen Flaschen und Beuteln) hatte, wankte ich zu der kleinen Waschtoilette, die sich in ca. 5 Meter Entfernung von meinem Bett befand. Dort angekommen sank ich erschöpft auf einen kleinen Hocker, den die Schwester mit einem Fuß vor das Waschbecken stieß. Die Schwester stellte mir eine Schüssel mit Wasser und einem Waschlappen in das Becken, legte eine Fertigzahnbürste nebst Plastikbecher dazu und gab kurz den Befehl:“ waschen“. Ich war total fertig, aber auch glücklich über meine Leistung, ich fühlte mich nun
    fast als Held!!


    Als ich mich etwas erholt hatte, fing ich an, mich mit der rechten Hand etwas zu waschen. Was war das für eine Wohltat, endlich das frische kühle Wasser in meinem Gesicht zu spüren, immer wieder tauchte ich den Waschlappen in die Schüssel und immer wieder wusch ich mein Gesicht, die Brust und die Achseln vorsichtig ab. Beim Zähneputzen wagte ich es mit aller Beherrschung, der ich nur fähig war, nur ganz wenig Wasser zu schlucken. Wirklich, nur ganz wenig!! Aber meinen Mund, den spülte ich immer und immer wieder mit dem kühlen Nass aus.


    Die Schwester brachte mir ein Handtuch. Während ich mich umständlich abtrocknete, bezog sie mein Bett neu und führte mich dann zurück zu meinem frischen Lager, dort wechselte sie mir auch den Verband an meinem Bauch, der schon wieder stark nässte. Viele Worte machte die Gute allerdings immer noch nicht. Ach so, diese Schwester hieß Maria und kam aus Portugal. ( Wahrscheinlich hieß sie darum auch Maria und nicht Elke!)


    Den restlichen Tag verschlief ich wieder in einem Dämmerschlaf, ich hatte mir wegen leichter Unterleibsschmerzen von meiner stummen Schwester ein Schmerzmittel erbeten und sie tat mir etwas Novalgin (wie sie sagte) in einen der Transfusionsbeutel. Der Druck auf den Knopf der Schmerzpumpe brachte schon länger nicht mehr die erhoffte Wirkung. Zudem kam, dass ich durch das Schmerzmittel immer einen wohligen leichten Bewusstseinszustand erfuhr und schneller einschlief.


    Am Nachmittag bekam ich Besuch von Evchen und meine Freude war riesig darüber, dass sie es geschafft hatte, mich auf der Wachstation zu besuchen, ich hatte damit nicht gerechnet.


    Wir hatten uns vielleicht 10 Minuten unterhalten, als gegen 17:00 mein kroatischer Pfleger, der Spätschicht hatte, auftauchte und mir mitteilte, dass er nun dass Darmrohr ziehen wolle, Ev wollte zwar erst
    hinausgehen, aber ich bat sie, zu bleiben. Der Pfleger half dabei, als ich mich auf die linke Seite rollte. Er legte eine dicke Lage Zellstoff in Höhe meines Hinterteils in das Bett und machte sich dann an dem
    Schlauch zu schaffen, welcher in meinem Darm steckte. Als er daran zog, fluchte er leise, denn er stellte fest, dass der Schlauch mit einigen Stichen festgenäht war. Als er die Nähte mit Pinzette und Messer
    (Skalpell) entfernt hatte, zog er mit gleichmäßigem Zug den langen Schlauch aus meinem Darm. Ich rechnete eigentlich mit einigen Peinlichkeiten, doch es geschah außer einem leichten Druckgefühl im Darm
    gar nichts. Der Kroate sagte, er hoffe auf einen baldigen Stuhlgang meinerseits, dies wäre sehr wichtig, damit es nicht zu einem Darmverschluss komme. Ich hatte allerdings in keiner Weise das Gefühl,
    bald Stuhlgang zu bekommen.


    Und dann um 18:30, Ev war gerade 10 Minuten weg, war Weihnachten für mich.


    Mein geliebter Kroate kam mit einer kleinen Tasse ungesüßtem Tee, den ich trinken durfte und er versprach mir, dass ich morgen auch etwas zum Essen bekäme. Meine Freude war riesig, nun ging es wieder richtig aufwärts.


    In der Nacht, es kam ganz plötzlich: hatte ich Stuhlgang. Es war mir hochpeinlich, ich musste 4 mal nach der Schwester klingeln, in kurzen Abständen - und immer kam nur eine Menge Flüssigkeit aus meinem Darm.


    Aber ich war glücklich, das Risiko eines Darmverschlusses war minimiert, ich hatte Stuhlgang – Wahnsinn. Gegen Morgen ließ ich mir dann für eine benutzte Bettpfanne immer gleich eine frische auf den Stuhl neben mein Bett stellen, was den Vorteil hatte, dass die Schwester nur noch kommen musste, wenn ich wirklich ein Geschäft in die Pfanne gemacht hatte.


    Sonntag den 10.12.2006 (4. postoperativer Tag)


    Ich war gerade dabei mit meiner leeren Bettpfanne einige Trainingseinheiten zur Stärkung meines Bizeps zu absolvieren, ohne Deckel versteht sich , als Schwester Maria wie immer wortlos mein Zimmer
    betrat und mich erstaunt ansah.


    Es war 8:00 Uhr und ich hatte vor einer Stunde dieses nette Spielchen entdeckt , um möglichst früh wieder mit meinem Fitnesstraining zu beginnen und auch meinen Kreislauf etwas anzuregen.


    Längst hatte ich mir überlegt, ausgelöst durch meine Erfolgserlebnisse vom Vortag, aufzustehen, um mich alleine zu waschen, Darmrohr raus und den guten Kontakt zu meinem Kroaten, vielleicht doch mal wieder Joggen zu können. Nicht weit, vielleicht so 5 oder 6 Kilometer, schön langsam.


    Um nicht zuviel Kondition zu verlieren übte ich halt mit der Bettpfanne – ich hatte ja nichts anderes.


    Diesmal ging es schon viel einfacher mit dem Aufstehen, die Schwester stützte mich zwar aus Sicherheitsgründen noch bis zum Bad, aber ich war längst nicht so fertig wie gestern. Diesmal riskierte ich es allerdings beim Zähneputzen einen guten Schluck aus dem Zahnbecher zu nehmen.


    Gegen 1o:30 war Visite und meine Operateur Oberarzt Dr. G. war zufrieden mit meinem Befinden, er freute sich sichtlich über das bisher Erreichte. Er gab noch die Anweisung, meinen Verband zu wechseln, der
    schon wieder durchnässt war, um sich dann zu verabschieden.


    Kurz darauf kam ein junger Assistenzarzt mit Schwester Maria in mein Zimmer.


    Schwester Maria machte mir meinen durchnässten Bauchverband ab und der Assistenzarzt war der Meinung, dass man die beiden Schläuche, die links und rechts aus meinem Unterbauch kamen und die zum Abfluss der Lymphflüssigkeit dienten, nun ziehen könne.


    Ich hatte zwar die Befürchtung, dass dies mit Schmerzen verbunden sei, aber als der Doktor den ersten Schlauch zog, hatte ich nur ein leichtes kurzes Ziehen in der Seite. Beim dem Schlauch auf der anderen Seite war es nicht anders.


    Während dieser Prozedur hatte ich erstmals genug Mut und Zeit, mir meinen Bauch genauer anzusehen.


    Ich war geklammert und der Bauch sah in der Mitte aus wie der Reissverschluss einer überdimensionalen Zimmermannshose. Links und rechts die beiden kleinen Löcher, in denen eben noch die Schläuche für
    die Lymphflüssigkeit steckten. Etwas weiter oben, auf der linken Seite, der Schlauch für die künstliche Ernährung.


    Auf der rechten Seite, wieder etwas weiter unten im Unterbauch, die beiden Schläuche für die Harnleiterschienen, recht dicht zusammen und beschriftet, gleich daneben der Schlauch für den Zugang zur Neoblase, der Zystofix. Diese drei dünnen Schläuche waren mit Pflaster zusammengeklebt und am Bauch angenäht. Dann war da noch der Dauerkatheter, den ich ja schon von der TUR –B kannte. So war ich also zugerichtet und ich muss zugeben, ich hatte schon einen leichten Schock, als ich dies so alles sah.


    Schwester Maria legte mir einen neuen Verband an und verließ mit dem Assistenzarzt mein Zimmer.


    Mittags dann, war wieder Weihnachten! Ich bekam zu essen, zwei ganze trockene Zwieback und zwei Tassen Tee ohne Zucker. Ich genoss es, den Zwieback mit kleinen Schlucken Tee im Munde zergehen zu lassen –wieder ein kleiner Schritt weiter- in ein normales Leben.


    Am Nachmittag kam Evchen und brachte mir meine Runnersworld (Laufzeitung) und die neusten Nachrichten sowie Grüße aus der Familie und der Nachbarschaft.


    Mein Verband nässte schon wieder wie verrückt, das ganze Bettzeug und mein Klinikhemd waren schon wieder klatschnass. Als Ev ging, bat ich sie, einer Schwester Bescheid zu sagen, ich brauchte schon wieder einen Verbandswechsel.


    Eine halbe Stunde später kam der Kroate und sie sollte sich bewähren, seine Armeezeit, die er als Sanitäter verbracht hatte. Es war wieder Lymphflüssigkeit, die diesmal aus den beiden kleinen Löchern, in denen vorher die Schläuche steckten, kam. Mit den Worten:“ ich mache Dir jetzt mal einen Druckverband“ legte er je ein viereckiges Stück Verbandsmull zu einer Art Kompresse zusammen, drückte sie auf die beiden Löcher, erst links dann rechts, klebte eine Lage Pflaster darüber und fertig.


    Ich hatte seit diesem Tag kein nasses Bett mehr und die Löcher waren zwei Tage später zu.


    Danke Du netter Kroatischer Soldat, dessen Name ich vergessen habe!


    Abends dann, zum Abendbrot wieder Zwieback mit einer Tasse Tee.


    Montag den 11.12.2006 ( 5. postoperativer Tag)


    Heute Morgen habe ich Schwester Maria gefragt ob sie sprechen kann, sie kann wie sie mir bestätigte. Mehr gesagt als sonst hatte sie allerdings trotzdem nicht. Aber sie brachte mir, nach der Morgentoilette, die ich nun schon weitgehend alleine bewerkstelligen konnte, ein Tablett mit Toastbrot, Marmelade und wieder eine kleine Kanne Tee zum Frühstück. Hallo alter Junge, dachte ich, es geht aufwärts.


    Kurz vor Mittag wurde ich auf die Normalstation verlegt, in mein altes Zimmer, mit Fernseher, mit Telefon, mit Fenster und damit mit einem direkten Anschluss an das Leben.


    Auch ein erstes warmes Mittagessen stand heute auf dem Plan, eine leichte Suppe mit einem stück Brot sollte es sein. Zudem kam, von der Oberschwester höchstpersönlich angeordnet, die Freigabe der
    eingeschränkten Trinkerlaubnis. Ich durfte also wieder Normal trinken.


    Am Nachmittag Besuch von Evchen, die mir dann auch das sündhaft teure Telefon in meinem Zimmer Freischaltete. 2 Euro Tagesgebühr und kosten für eine 0180 Einheit. Hier beginnt die Zweiklassen Medizin dachte ich bei mir, was macht eigentlich ein Arbeitsloser der sich das nicht leisten kann?? Gibt der Rauchzeichen?


    Den Rest des Tages mit Telefonieren und Fernsehen verbracht, ein großartiges Gefühl, wieder am Leben teilnehmen zu können.


    Dienstag den 12.12.2006 (6. postoperativer Tag)


    Das Aufstehen heute Morgen fiel schon bedeutend leichter als gestern und vorgestern, Probleme hatte ich nur mit dem Ordnen der vielen Beutel und Zuleitungen an meinem fahrbaren Stativ. Auch das Anziehen meines Bademantels bereitete mir Schwierigkeiten, ich hatte jedes mal ein Ziehen im Bauchbereich. Aber ich konnte jetzt schon auf Toilette sitzen und legte dabei immer den Katheter mit „Endstück“ auf die Klobrille. Ab Mittag bekam ich normales Essen, aber immer noch Schonkost.


    Am Nachmittag fing ich an, mit der Krankengymnastin, die mich schon seit Sonntag mit irgendwelchen leichten Gymnastikübungen genervt hatte, überden Krankenhausflur zu laufen. Heute wurde auch das erste Mal meine Neoblase gespült, es war nur sehr wenig Schleim zu sehen, wie der Pfleger meinte. Ev kam auch zu Besuch und ließ sich von mir meine Fortschritte erzählen.


    Am Abend besuchte mich ein Arbeitskollege, ich fing langsam an, mich wieder wohl zu fühlen in meiner Haut.


    Mittwoch den 13.12.2006 (7. postoperativer Tag)


    Bei der Visite fragte mich der Oberarzt DR. G. wie es käme, dass ich nach einer solchen Op. schon wieder so fit wäre. Ich verwies auf meine Zeitung, (Runnersworld), die auf dem Nachttisch lag und auf seine
    sicherlich gute Operationskunst.


    Am Nachmittag kam der Narkosearzt und baute die Schmerzpumpe ab, zog die Kanüle im Spinalkanal. Wieder ein Erfolgserlebnis für mich an diesem Tag.


    Als ich eine Stunde später mit meiner Krankengymnastin, (die wohl schon kurz vor ihrem wohlverdientem Ruhestand war) über den Klinikflur flanierte und der Stationsarzt, dem wir dort begegneten fragte:“ wer
    führt hier eigentlich wen?“ war ich gänzlich zufrieden. Die Krankengymnastin ist seitdem nicht mehr gekommen. Am Nachmittag wieder Spülen der Neoblase, Besuch von Evchen.


    Am Abend Fernsehen, in der Runnersworld lesen und von einem Marathonlauf träumen.


    Donnerstag den 14.12.2006 (8.postoperativer Tag)


    Ich habe meine Laufaktivitäten verstärkt, laufe jetzt mehrmals am Tag über den langen Flur und bringe mein Essensgeschirr meistens selbst raus, immer schön nacheinander. In der einen Hand die Urinbeutel, in der anderen Hand den Teller oder die Tasse. Trinken soll ich mindestens 2 Liter am Tag. Ich bringe es auf 3 –3,5 l/t! Interessant ist, dass fast genauso viel abfließt wie ich reinschütte, also die Nieren arbeiten gut.


    Immer öfter leere ich auch meine Urinbeutel selbst und schreibe die Menge jedes Mal genau auf. Für mich ist es Beschäftigungstherapie, für die Pflegekräfte eine willkommene Entlastung.


    Heute wurde mir auch der ZVK entfernt, der schon einige Zeit ohne Funktion war, aber zur Sicherheit noch nicht gezogen wurde. Auch die Magensonde auf der rechten Seite in meinem Bauch wurde entfernt.


    Am Nachmittag dann der histologische Befund meiner Blase, der Lymphknoten etc. Ich bin krebsfrei, es wurde nichts mehr gefunden , ich empfinde tiefe Dankbarkeit und Glück.


    Am Abend Besuch von Ev, danach von einem Arbeitskollegen. Den ganzen Tag, immer wieder aufbauende und mutmachende Anrufe, mir geht es gut.


    Freitag den 15.12.2006 ( 9.postoperativer Tag)


    Seit der Nacht habe ich starke Schmerzen im rechten Nierenbereich, es ist kaum auszuhalten. Die Schwester schickt mich zum Röntgen, dann zum Ultraschall. Kein Nierenstau wie ich befürchtet hatte. Stinknormale Muskelschmerzen vom Liegen, wie der Arzt meinte. Ich ließ mich mit Voltarensalbe einreiben, die nur wenig linderte. Erst Voltaren-Tabletten halfen.


    Bei der Visite entfernte Oberarzt Dr.G. die Fäden, die die linke Harnleiterschiene fixierten und zog leicht daran. Die Schiene war noch zu fest, wie er meinte. Morgen versuchen wir es noch einmal, sagte er.


    Heute bin ich nicht so oft über den Flur gegangen wegen der Schmerzen im Rücken. Wieder wurde meine Neoblase gespült, diesmal waren schon etwas größere Schleimflocken zu sehen. Schwester Elke zeigte mir, wie man die Neoblase spült und brachte mir einen Karton Einmalspülfläschchen. Ab sofort konnte ich das nun selber machen.


    Samstag den 16.12.2006 ( 10. postoperativer Tag)


    Ich bekomme keine Schonkost mehr, darf wieder normal essen, habe allerdings leichte Probleme mit dem Stuhlgang, ein Mittelchen behob dieses Problem. Heute zog der Stationsarzt die linke Harnleiterschiene
    und versuchte sich auch an der rechten. Doch diese war noch zu fest, die Aktion wurde auf morgen verschoben . Außerdem versprach er mir, dass auch die Klammern in meinem Bauch entfernt würden.


    Heute bin ich wieder über den Flur spaziert und habe mich dann auch noch getraut, die zwei Stockwerke in das Erdgeschoss zu laufen. Unten angekommen traf ich auf die rauchende Zunft, die sich im Freien, mit den Urinbeuteln in der Hand, oder kunstvoll am Morgenmantel befestigt, ihre Glimmstengel gönnten.


    Mir wurde schnell kalt und ich verzog mich wieder die zwei Stockwerke nach oben.


    Sonntag den 17. 12.2006 (11. postoperativer Tag)


    Wie versprochen, wurde heute die rechte Nierenschiene gezogen und auch die Bauchklammern wurden entfernt. Beides tat überhaupt nicht weh, es ziepte nur ein klein wenig.


    Montag den 18.12.2006 ( 12. postoperativer Tag)


    Nun war ich fast alle Beutel los, nur den Beutel mit dem Katheter musste ich noch herumschleppen, der Zystofixschlauch hing ohne Beutel an mir herum und war abgestöpselt. Vor dem Mittagessen wurde ich noch zum Röntgen der Nierenabgänge und der Neoblase geschickt. Es wurde dies unter Kontrastmittel gemacht, denn so sollte die Dichtigkeit der Neoblase und der Harnleiter festgestellt werden. Am Mittag bekam ich das Ergebnis, es war alles dicht.


    Am späten Nachmittag kam die Mitarbeiterin vom Sozialdienst der Klinik, die ich schon vor ein paar Tagen telefonisch um einen Besuch gebeten hatte, und beantragte mit mir einen Behindertenausweis sowie eine AHB. Ich wollte gerne nach Bad–Wildungen und sie war auch der Meinung, dass dies klappen könnte.


    Dienstag den 19.12.2006 (13. postoperativer Tag)


    Heute wurde mir sofort nach der Visite der Blasenkatheter gezogen , es wurde von einer Schwester gemacht, die sich mit mir unterhielt und schwupp war der Katheter raus. Ich habe wirklich nur ein leichtes
    Flutschen und ein Kitzeln gemerkt. Ab sofort war ich wieder ein ganzer Mann, der im Stehen pinkeln kann.


    Aber mein erstes Wasserlassen verrichtete ich im Sitzen und ich hätte nicht gedacht, dass das so einfach würde, der Urin lief einfach. Der Stationsarzt gab mir einen Messbecher und ein Urinprotokol , ich sollte
    jedes Mal den Restharn messen und das Ergebnis dann aufschreiben.


    Dies bewerkstelligte ich über den letzten Schlauch, der mir noch geblieben war, den vom Zystofix. Ich zog nach dem Wasserlassen den Stopfen aus dem Schlauch und füllte damit den Messbecher. Das Ergebnis
    schrieb ich penibel in mein Messprotokoll. Es waren zwischen 50 und 80 ml Restharn.


    Ich hatte schon seit einigen Tagen die Hoffnung, noch vor Weihnachten aus dem Krankenhaus entlassen zu werden. War mir aber sehr unsicher, weil ich nicht wusste, wie gut die Heilung fortschreitet. Jetzt, wo ich die Dichtigkeitsprüfung mit Erfolg hinter mir hatte, wo mein Restharn nicht so hoch war und ich mich auch sonst total fit fühlte, fragte ich bei der nächsten Gelegenheit den Stationsarzt, ob ich noch vor dem
    24.12. nach Hause könne. Er sagte:“es spreche nichts dagegen, dass, wenn der Oberarzt sein OK gäbe, ich morgen nach Hause könne“. Mein Herz machte einen Luftsprung!!


    Am Abend erfuhr ich von der Schwester, dass ich morgen entlassen würde.


    Mittwoch den 20. 12.2006 (14.postoperativer Tag)


    Ich war aufgeregt und konnte kaum mein Frühstück essen. Voller Ungeduld wartete ich auf die Visite, die diesmal mit dem leibhaftigen Professor Thyroff (Direktor der Urol. Klinik) stattfand. Diesmal durchbrach ich die übliche Klinikhirachie:


    Assistenzarzt trägt die Akten, Stationsarzt berichtet dem Oberarzt, Oberarzt berichtet dem Professor, Patient hält die Klappe , hat nichts zu melden.


    Ich bedankte mich für die gute Arbeit, die optimale Versorgung und den hervorragenden Teamgeist, den ich als Patient auf dieser Station spüren durfte. Die Ärzte hörten mir geduldig und ich glaube auch etwas erfreut zu.


    Während ich auf meinen Entlassungsbericht wartete, packte ich langsam meine Sachen zusammen. Dazwischen kam noch der Assistenzarzt und zog mir den letzten Schlauch, den Zystofix. Nun erinnerten nur noch die lange Narbe auf meinem Bauch, ein paar Pflaster und der Gewichtsverlust von fast 10 kg. an die 16 Tage des Leidens, der Angst und der Ungewissheit.


    Es kommt mir überhaupt so vor, als ob am 20.11.2006 für mich eine neue Zeit angebrochen ist , eine Zeit die mich verändert hat, eine Zeit, in der ich reifer geworden bin und mein Leben völlig anders sehe als vor dem Tag der Krebsdiagnose. Vergangenes ist mir plötzlich nicht mehr so wichtig. Für die Zukunft plane ich nur noch selten und wenn, dann nur in sehr kurzen Zeitabschnitten. Wichtig ist die Gegenwart geworden, das Jetzt und das Hier.


    Um 11:00 bekam ich meine Unterlagen, Röntgenbilder , Entlassungsbrief und die üblichen guten Wünsche der Ärzte und des Pflegepersonals.


    Zehn Minuten später saß ich mit Ev in ihrem Kleinwagen, ich fuhr, ich fuhr den gleichen Weg, den ich vor 16 Tagen voller Angst in`s Ungewisse gefahren bin.


    Nur diesmal nieselte es nicht, die Wintersonne stand strahlend am Himmel, der Tag war hell und klar. Und ich fuhr mit meiner Ev in ein neues Leben, mit Ev und mit der Neoblase.


    Diese Geschichte ist noch nicht zu Ende, nein, meine Geschichte fängt jetzt erst an! Irgendwann, wenn Ihr es lesen wollt, geht es weiter, mit der Reha, mit meinem Training für den ersten Halbmarathon, mit dem
    Halbmarathon.


    Mit meinem ersten Marathon 2008 in München?? Mit einem Ultramarathon 2000 - ??? in Biel???? Es gibt noch viel zu erzählen!!


    Und – Danke, für die Zeit, die Ihr Euch genommen habt diese, meine Erlebnisse zu lesen.


    Manny



    Die Dämmerung fällt, wir sind müde vom Traben,

    die Strassen sie haben der Steine gar viel.

    /: Lasst sie für Heute allein:/


    Es ist uns bestimmt mit brennenden Füssen die

    Unrast zu büssen, die Tags uns ergriff

    /: bald Kameraden ist Ruh:/

    Wer weis wo der Wind uns morgen schon


    Hinweht, wo keiner mehr mitgeht, der Bruder uns ist

    /: Bald sind wir alle allein

    Doch glauben wir fest, das stets sich erneuere der

    Mut und die Treue zu unserem Werk.


    /: Drum Kameraden, gut Nacht :/


    Von Wolfgang Lüderitz