Erfahrungen mit AMS 800 + AMS 700 = AMS 1500

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  • Bei etwa 30% aller zystektomierten Menschen tritt in der Folge eine Harninkontinenz auf, die sich nicht mit Beckenbodentraining beherrschen lässt, da der natürliche innere Sphinkter (Blasenschließmuskel) bei der Entfernung der Blase mit entfernt wurde. Außerdem folgt bei fast allen zystektomierten Männern eine erektile Dysfunktion (ED) auf, da die Prostata mit entfernt wurde. In der Folge kommt es bei vielen Männern zu Depressionen, die eine erhebliche Einschränkung der Lebensqualität darstellt.


    Es gibt einige operativen Systeme, die eine Harninkontinenz verhindern sollen und weitere Schwellkörperprothesen auf dem Markt, die mich nicht überzeugen konnten. Nur die AMS-Systeme kamen für mich nach einiger Recherche in Frage.


    Ich berichte hier meine Erfahrungen mit der AMS 800 + AMS 700 = AMS 1500, die ich im Jahr 2015 erhalten habe.


    Meine Vorgeschichte:


    Anfang des Jahres 2002 stellte mein Urologe bei einer Ultraschalluntersuchung einen Tumor in der Harnblase fest und überwies mich in eine urologische Klinik zu einer Transurethralen Resektion der Blase (TURB). Dabei wurde bei mir ein aggressives oberflächliches Harnblasenkarzinom pT1G3 festgestellt. Daraufhin wurde im gleichen Jahr im August eine Zystektomie mit Anlage einer orthotopen Neoblase durchgeführt.


    In der Folge daraufhin hatte ich eine nächtliche Harninkontinenz, die auch nicht mit Beckenbodentraining behandelbar war. Außerdem bekam ich in Folge der Operation eine erektile Dysfunktion (ED), die sich ebenfalls auch nicht mit Medikamenten behandeln ließ, da die Schwellkörper durch fehlende Erektionen verkümmert und nicht mehr funktionsfähig sind.
    Wegen der Harninkontinenz benutzte ich jahrelang Urinalkondome mit Bettbeutel. Auf Grund fehlender Erektionsfähigkeit wurde mein Penis immer kleiner, so dass oft auch die Urinalkondome nicht mehr hafteten und das Bett nass wurde.


    Seit der Zystektomie bin ich tumorfrei. Aber die Harninkontinenz und mein verkümmerter Penis verringerte meine Lebensqualität erheblich und hatte physische und psychische Folgen. Obwohl ich wegen einer zu großen Neoblase in sackartiger Form und nach einigen Harnwegsinfekten eine Schädigung der Nieren bekam, entschloss ich mich 2015 für die prothetische Operation des künstlichen Sphinkter AMS 800 in Einheit mit einem Schwellkörperimplantat AMS 700, das Dr. med. Jörg Neymeyer, Charité, als AMS 1500 bezeichnet.


    Informationen als Video: AMS 800 und AMS 700 mit Dr.med. Tobias Pottek, Hamburg
    Informationen als Video: Schwellkörperprothese AMS 700 mit Dr.med. Ulrich Grein


    Mein Urologe Dr. med. Frank König überwies mich an den erfahrenen Operateur für diese Prothesen an Dr. med. Gralf Popken, Ernst von Bergmann Klinikum, Potsdam. Im Februar 2015 erhielt ich während einer einzigen OP die AMS 1500.


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    Vor der Operation wurde ich wegen meiner ESBL zur Antibiose ins Krankenhaus eingewiesen. Bei der OP wurden die beiden erforderlichen Pumpen in die linke Hodenseite eingebaut. Zu oberst die Pumpe der AMS 800 und darunter die Pumpe der AMS 700. Beide Pumpenballons wurden im Bauchraum eingesetzt. Drei Schnitte, im Skrotum, Glans penis und Abdomen (paravesikal-Region) wurden zum Einsetzen der Pumpen, Reservoirs, der Schläuche und der Prothesen benötigt.


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    Nach der Operation der AMS 1500
    Durch die Schmerzmittel hatte ich zunächst keine Schmerzen. Der Hodensack und Penis war eng verbunden und der Harn wurde mit Katheter und Beutel abgeführt. Eine Wunddrainage für den Bauchraum wurde am nächsten Tag wieder entfernt und auch die Druckverbände, da die Heilung schon weit fortgeschritten war.


    Der Hodensack war sehr stark angeschwollen und hatte Hämatome, die auch noch nach 10 Tagen (siehe Bild) vorhanden waren. Die Einstichstelle der Eichel verheilte sehr schnell und es blieb keine Narbe zurück.


    Vor der Entlassung aus dem Krankenhaus wurde der Katheter entfernt. Da ich immer noch Schmerzen im Genitalbereich hatte, zog ich mir eine weite Turnhose an, die ich auch noch einige Zeit lang trug.


    Durch die Schwellkörperprothesen hatte ich einen größeren Durchmesser des Penis. Deshalb brauchte ich größere Urinalkondome mit 35mm für die Nacht.


    6 Wochen nach der Operation wurden beide Prothesen aktiviert.
    Für mich war es nun wichtig, die Pumpe des künstlichen Sphinkters betätigen zu können. Es gelang mir sofort, meine Neoblase komplett zu leeren, obwohl ich die Pumpe öfter betätigen musste.


    Vor dem urinieren musste ich also die Pumpe des künstlichen Sphinkter im Hodensack finden und musste aufpassen, dass ich den Deaktivierungsknopf nicht drücke. Zunächst war das für mich ungewöhnlich, da oft mein Glied dazu im Wege stand und ich vorher nie meinen Hodensack dazu brauchte.


    Nun kann ich auch problemlos im Stehen in ein Urinalbecken pinkeln.
    In der Folge bekam ich leichte Schmerzen in der Harnröhre, wenn die Neoblase voll wurde oder nicht komplett entleert war, auch nachts. Nachts wurde ich davon wach und ging dann sofort auf die Toilette.
    Übrigens bemerkte ich nachts, dass sich die Pumpe des Sphinkters selbst betätigte, wenn ich die Beine übereinander schlug und doch Urin herauslief. Es waren zwar nur einige wenige Tropfen, so dass ich mich bei der Schlaflage umstellen musste.


    Außerdem stellte ich fest, dass kleine Schleimtropfen der Neoblase vom Sphinkter nicht aufgehalten werden und größere Verschleimungen zu Verstopfungen vor dem Sphinkter führten. Wenn ich dann sehr viel trinke und danach die Neoblase komplett leere, verschwindet die Verschleimung.


    Nun wollte ich auch die Schwellkörperprothesen aktiveren. Erst nach Suchen fand ich die Pumpe, die zunächst ziemlich fest ist. Erst mit starkem Druck aktiviert sich die Pumpe und durch leichtes Drücken mehrmals danach erfolgt dann die Versteifung des Penis.


    Nachdem ich meinen neuen Penis begutachtete, wollte ich die Prothesen wieder deaktivieren. Aber ich fand den Deaktivierungsknopf an der Pumpe nicht und mein Penis blieb steif. Es war nach einiger Zeit sehr schmerzhaft. Es war inzwischen Abend und meine Frau wollte mir helfen und versuchte den Deaktivierungsknopf zu finden. Sie fand ihn auch nicht und ich hatte nach all den vergeblichen Versuchen bereits starke Schmerzen im Hodensack.


    So ging ich ins Bett um zu schlafen und hatte nachts starke Schmerzen im Glied. Mit der Versteifung hatte ich auch erhebliche Probleme, meine Neoblase zu leeren. Natürlich war die Nacht somit für mich sehr unruhig.


    Deswegen fuhr ich mit meiner Frau zur Sprechstunde in die Poliklinik des Ernst von Bergmann Klinikums, zu Chefarzt Dr. med. Popken. Ich hatte wieder wegen der Schmerzen eine weite Turnhose an, wo sich deutlich meine Dauererektion abzeichnete. Das bemerkten auch alle Patienten im Warteraum. Als ich von Dr. Popken aufgerufen wurde und zu ihm ging, bemerkte er zu mir: „Sagen sie nicht, welche Probleme sie haben, das sehe ich!“


    Er zeigte mir und meiner Frau den Deaktivierungsknopf, betätigte diesen und die Schwellung ging sofort zurück (Etwa 5 Sekunden den Deaktivierungsknopf drücken, damit die Flüssigkeit aus den Implantaten zurück in das Reservoir läuft. Mit Hinunterdrücken den Penis in eine normale Position versetzen.) Das ganze dauerte etwa zwei Minuten. Und ich war erlöst!


    Wenn meine Frau und ich Sex miteinander hatten, sorgte ich um die Versteifung meines Gliedes und hinterher betätigte meine Frau den Deaktivierungsknopf, der für mich nicht zu ertasten war. Obwohl ich nun weiß wo er sitzt, schaffe ich es auch heute nicht immer vollkommen und meine Frau muss mir weiterhelfen.


    Einige Wochen später hatte ich einen Darmverschluss, wodurch ich auch meine Neoblase nicht mehr komplett entleeren konnte. Zunächst hatte ich versucht, diesen Verschluss mit Abführmitteln Herr zu werden. Leider funktionierte das nicht und die Neoblase wurde immer voller. Also musste ich wieder ins Krankenhaus nach Potsdam.


    Dort wurde nach Abstellen des künstlichen Sphinkters ein Katheder gelegt, wo dann eine riesige Menge an Urin abfloss. Bei den Untersuchungen stellte sich heraus, dass ich wieder eine Harnwegsentzündung mit Beeinträchtigung der Nieren und ESBL-Keime hatte.
    Durch den Katheter war meine Harnröhre entzündet. Deshalb musste ich den Sphinkter für 4 Wochen ausgeschaltet lassen. Nachts habe ich dann wieder Urinalkondome mit Bettbeuteln benutzt.
    Nach den 4 Wochen hatte ich vergeblich selbst versucht, den Sphinkter zu aktivieren. Auch mit Hilfen der Anleitungen im Internet konnte ich es nicht. Also musste ich wieder zur Sprechstunde von Dr. Popken, nach Potsdam. Auch er hatte zunächst auch Probleme damit, da der Deaktivierungsknopf erst klemmte. Beim zweiten Versuch funktionierte die Aktivierung und ich war wieder Kontinent.


    In der Folge habe ich die Technik mit der Pumpe des Sphinkters beim urinieren umgestellt:

    • Mehrfaches Drücken der Pumpe und Bauchpressen auf die Neoblase, bis sich die Manschette wieder schließt,
    • dann dasselbe weiter, bis kein Urin mehr ausfliest.
    • Resturin aus der Harnröhre ausdrücken.
    • Wenn im Urin Schleimbildungen auftauchen, viel Flüssigkeit trinken, damit keine Verstopfung auftritt und öfter urinieren.

    Seitdem ich diese Technik befolge, habe ich nun keine Harnröhrenverstopfung und keine Entzündungen der Harnröhre am Sphinkter.


    Fazit:
    Ich würde diese Operation immer wieder machen lassen, da sich meine Lebensqualität erheblich verbessert hat. Auch wenn eines der Systeme ausgetauscht werden müsste.


    Durch die Kontinenz kann ich wieder unbeschwert Urlaub im Hotel verbringen und muss keine Angst mehr haben, dass ein „Missgeschick“ geschieht. Ebenso kann ich mich völlig entspannt zum Mittagschlaf oder zum Baden an den See legen:
    „Hurra, ich bin dicht!“.
    Auf all das musste ich 12 Jahre lang verzichten. Nicht zu vergessen, dass mir ein Liebesleben wie in jungen Jahren vergönnt ist. Ich kann immer und solange ich, bzw. meine Frau es möchte.


    Sollte ich wegen einer anderen Erkrankung der Sphinkter abgeschaltet werden müssen, z.B. Katheter, Blasenspiegelung, o.ä., kann ich für diese Zeit wieder Urinalkondome benutzen, da mein Penis durch die AMS 700 wieder eine normale Größe besitzt und keine Gefahr des Abrutschens mehr besteht.


    Voraussetzungen für beide Implantate:

    • Alle Therapien gegen Harninkontinenz und erektiler Dysfunktion (ED) waren bisher erfolglos oder physiologisch nicht indiziert.
    • Eine ausführliche Untersuchung und Beratung von ärztlicher Seite muss durchgeführt werden.
    • Der Patient muss wissen, dass es Risiken der Operation und mögliche Komplikationen vorkommen. Er muss wissen und akzeptieren, dass eventuelle Nachoperationen folgen können, bis hin zu der Entfernung der Systeme, wenn z.B. Unverträglichkeiten auftreten.

    RisikenDie beiden Systeme sind ungeeignet für Menschen:

    • Bei denen sich kein chirurgischer Eingriff oder Anästhesie durchführen lässt,
    • Mit Unverträglichkeiten – Allergien bei den verwendeten Materialien,
    • Mit Hyperkontinenz,
    • Mit schlechter manueller Geschicklichkeit,
    • Bei Dauerkatheterisierung oder Selbstkatheterisierung,


    Komplikationen:


    • Entzündungen des Penis, Hoden und Bauchraum,
    • Verletzungen der Harnröhre, Neoblase oder Nerven während der OP,
    • Harnröhrenarrodierung, Erosionen der Systeme,
    • Leckage, Blockade oder Versagen an den Systemen,
    • Migrationen von Teilen der Systeme,
    • Verschleiß der einzelnen Komponente,
    • Schmerzen im Bauchraum, Skrotum und Penis,

    Implantation des künstlichen Schließmuskels AMS 800 bei der Frau



    &WCF_AMPERSAND<a%20href=1246-251ed7b7.jpg">Bei Frauen wird das System in ähnlicher Weise wie beim Mann implantiert. Hier ist immer ein Unterbauchschnitt (suprapubische Inzision) notwendig, um an die Harnröhre zu gelangen und den Pumpenballon einzusetzen. Die Pumpe wird in einen der großen Schamlippen platziert.


    &WCF_AMPERSAND<a%20href=1245-81486836.jpg">Oft wird der Zugang zur Harnröhre über die Vaginalwand gewählt, um den Cuff (Manschette) und den Schlauch einsetzen zu können. Falls eine Senkung der Neoblase (Zystozele) vor der Implantation des AMS 800 beseitigt werden muss, so kann diese in einem Schritt behoben werden.





    Literatur, Quellen:


    AMS (American Medical Systems) - Produkte gehören seit 2015 der Boston Scientific
    Adressen in Deutschland:


    • Boston Scientific Medizintechnik GmbH, Daniel-Goldbach-Straße 17 – 27, 40880 Ratingen
      Tel: +49 (0) 2102-489-3, Fax +49 (0) 2102-489-439
    • StarMedTec GmbH, Kreuzstrasse 22, 82319 Starnberg
      Tel: +49 (8151) 26861-0
    • Boston Scientific, Vossstrasse 20, 10117 Berlin
      Tel: + 49 0 30 20 67390, Fax: + 49 0 30 20 643999



    Autoren: Detlef Höwing , Petra Höwing-Kuhn,

    Einrichtung
    Selbsthilfe Harnblasenkrebs
    Kontakt
    Detlef Höwing
    E-Mail
    info [at] mensch-und-krebs.de
    Telefon
    0307440073
    • Danke für dein Bericht, er hilft weiter zumal man weiß wo die reise hingehen kann