Was ist eigentlich eine Neoblase ??

  • Guten Tag, Leute


    bevor wir hier im ForumNeoblase” ins Fachsimpeln kommen, möchte ich einmal kurz umreissen, was eine Neoblase überhaupt ist.
    Eingefügte Erläuterungen von mir habe ich kursiv und in Klammern eingefügt.


    Vorweg eine gravierende Erläuterung :


    Als Neoblasen werden alle Harnableitungen bezeichnet, welche zur Funktion ein dazwischengeschaltetes Darmsegment zum Sammeln des Harnes besitzen.


    Dem Anlegen einer Neoblase geht immer eine radikale Zystektomie voraus.


    Ist ein Tumor bereits in tiefe Muskelschichten der Blase eingewachsen (infiltrierend wachsender Harnblasenkrebs), ist eine komplette Entfernung der Harnblase (radikale Zystektomie) nötig – vorausgesetzt, die umgebenden Lymphknoten und Organe sind noch nicht von Krebs befallen.


    Vorsorglich werden die Lymphknoten des Beckens bei der Operation mit entfernt, beim Mann zusätzlich zur Harnblase auch die Prostata (radikale Prostataektomie) sowie die Samenbläschen, die Samenleiter werden getrennt
    bei der Frau die Gebärmutter, die Eileiter und die Eierstöcke sowie ein Teil der Scheidenwand.


    Noch bis Mitte der achtziger Jahre wurde nach operativer Entfernung der Harnblase der Urin entweder direkt oder durch ein zwischengeschaltetes Darmstück, ( Conduit ), nach aussen geleitet und mittels eines Kunststoffbeutels aufgefangen, ( das sogenannte feuchte Stoma ).
    Die Operationstechnik war standardisiert, die Komplikationsrate gering.


    Allerdings war die Lebensqualität ( Mobilität, Berufsleben, Freizeitgestaltung ) verringert.


    Eine Alternative war lediglich die Einpflanzung der Harnleiter in den Dickdarm, ( Coffey-Ableitung ), was eine kontrollierte Urinentleerung zusammen mit dem Stuhl über den Enddarm ermöglichte. Diese Art Blasenentleerung nennt man Mainz-Pouch2


    Die Entwicklung und Einführung sogenannter kontinenter, ( d.h. trockener ), Ersatzblasen Mitte der achtziger Jahre brachte die entscheidende Veränderung.
    Komfort und Lebensqualität nahmen zu, ohne die Komplikationsraten zu erhöhen.


    Indikationen zur Harnableitung
    Die operative Entfernung der Harnblase bzw. deren funktionelle Ausschaltung erfordert eine Ableitung des Urins.
    Grund für die Zystektomie ( Entfernung ) sind mehrheitlich bösartige Erkrankungen der Harnblase oder der Nachbarorgane, seltener angeborene Fehlformungen oder Funktionsstörungen.


    Sie lassen sich folgendermaßen unterteilen :
    Harnblasenkarzinome ( fortgeschritten )
    Befall der Harnblase durch bösartige Tumore der Nachbarorgane, weibliche Geschlechtsorgane, Enddarm
    Grobe angeborene Fehlbildungen der Harnblase, ( z.B. Blasenspalte )
    Nicht reparable funktionelle Ausfälle der Harnblase bei neurologischen Störungen : Störungen des Rückenmarks ( z.B. Meningomyelocele = Neuralrohrdefekt )
    Funktionsverlust nach Voroperationen oder Vorbestrahlungen


    Formen der Harnableitung


    Externes Reservoir ( feuchtes Stoma ):
    Konduit ( zwischengestaltetes Darmsegment ),
    Hautleiterfistel, definitive Nierenfistel ( Die Hautleiterfistel ist keine Neoblase )


    Internes Reservoir ( trockenes Stoma ):
    Mainz-Pouch1 bzw. neuer Verschlussmechanismus mit Ableitung durch die Bauchdecke oder Nabel ( nichtorthotope Neoblase ).
    Guckt ihr hier : Neoblase mit Bauchdeckenanschluss, ( Pouch )


    orthotope Neoblase Kontinentes Reservoir aus Darmsegmenten mit Neuanschluss an die belassene Harnröhre ( Orthotop bedeutet : anatomisch an der “korrekten” Stelle )


    Eine seltene Ausführung ist :
    Mainz Pouch 2, ( Harnableitung in den Enddarm : Coffey, )



    Konstruktionsprinzip
    Bei der Bildung einer Ersatzblase ( Neoblase ) muss immer auf ein körpereigenes, gut durchblutetes Material zurückgegriffen werden.
    Hier bieten sich Dünndarm, Dickdarm oder eine Kombination von beiden an.
    Bedingungen für die weitere Funktion sind :


    1. ) Eine ausreichende Kapazität ( > 400 ml ) :
    Dabei geht die Kapazitätsberechnung auf ein physikalisches Gesetz nach La Paz zurück, bei der das Fassungsvermögen bei gleicher Darmlänge durch ein U-oder W-förmiges Umschlagen im Sinne eines größeren Radius überproportional erhöht wird.
    ( Amn.: Einfach ausgedrückt : Durch einen Trick in der Gestaltung kann das Fassungsvermögen erhöht werden )


    2. ) Niederdruckbedingungen :
    Da der Darm mittels einer Eigenperistaltik ( Anm.: schubförmige Darmbewegung, zu vergleichen mit der Fortbewegung eines Regenwurmes oder einer Raupe ) schon in seiner normalen Funktion einen hohen Innendruck aufbaut, muss dieser durch eine entsprechende Um-und Neuanordnung der ausgeschalteten und längsgeöffneten Darmsegmente reduziert werden.
    Zu hoher Druckanstieg würde jeden Verschlussmechanismus zerstören.
    ( Anm.: Einfach ausgedrückt : Durch einen Trick in der Gestaltung kann der hohe Innendruck reduziert werden )


    Systemverschluss :
    Eine komplette Kontinenz - dies ist das Ziel und der Sinn der Neoblase - erfordert einen sicheren Verschluss.
    Auf das Anbringen von Beuteln oder sonstigen Auffangsystemen kann damit verzichtet werden.


    Bei einer direkten Verbindung der Neoblase mit der belassenen Harnröhre ( orthotoper Anschluss ) steht der natürliche Verschlussmechanismus des Beckenbodens weiterhin zur Verfügung.
    Anfänglich wurde dieses Prinzip nur bei Männern durchgeführt. Später wurden auch die Frauen mit ihrer relativ kurzen Harnröhre mit einbezogen.
    Die Verschlussraten ( Kontinenzraten, Dichtigkeit ) sind hoch.
    Problem sind vereinzelt Inkontinenzen ( unwillkürlicher Harnverlust ) während der Nacht.
    ( Anm.: Hier gehe ich mit dem Verfasser nicht konform. Nach meiner Erfahrung sind ca. 30% der Betroffenen tagsüber und ca. 50% nachts inkontinent )
    Bedingung ist der Erhalt einer funktionellen Harnröhre, dies ist nach Vorbestrahlung oder bei ausgedehnten Operationen nicht möglich


    Orthotope Neoblase ( orthotop = an richtiger Stelle )


    Illeumneoblase ( Anm.: Illeum ist der med. Ausdruck für den Dünndarm, Colon derjenige für den Dickdarm )
    Auch nach den Erstbeschreibern “Ulmer Blase” oder "Hartmann-Blase" genannt :
    Dabei werden 50 bis 60 cm Dünndarm W-förmig zu einer Kugel geformt und an ihrem tiefsten Punkt direkt mit der belassenen Harnröhre verbunden.
    Ursprünglich war diese Art der Harnableitung nur für Männer vorgesehen, wird nun aber auch bei Frauen praktiziert.


    Studerblase : Nach ihrem Beschreiber Studer aus Bern handelt es sich um eine reine Dünndarmblase.
    Ein Teil des Dünndarmes wird nicht zur Kapazitätsbildung mit einbezogen ( Anm.: Wird nicht für die Volumenbildung verwendet )
    In diesen - verbleibenden - Schenkel werden die Harnleiter direkt eingenäht. Der restliche Dünndarm wird U-förmig gefaltet und dann am tiefsten Punkt mit der Harnröhre anastomisiert ( Anm.: verbunden )
    Vorteil dieser Methode ist eine niedrige Stenosenfrequenz. ( Anm.: Verengung der Harnröhre )
    Diese unterschiedlichen Arten der Harnableitungen sollen nur exemplarisch für eine Vielzahl von unterschiedlichen Typen und Modifikationen stehen.
    Letztendlich fällt die Entscheidung oft erst während der Operation, abhängig von der Beschaffenheit des Darms, von Begleitkomplikationen wie auch der Gesamtprognose.
    Der Chirurg sollte daher über ein breites Repertoire, ( Anm.: Kenntnis, Wissen ) der Harnableitung verfügen.


    Ausschlusskriterien für kontinente Ersatzblasen :
    Es gibt nur wenige sogenannte Kontraindikationen ( Anm.: Ausschlussgründe ), welche die Schaffung einer Neoblase verbieten.
    Diese lassen sich folgendermaßen definieren :


    Chronische Entzündung des Darms :
    ( Morbus Chron, Colitis ulcerosa, ( Anm.: chronisch entzündliche Darmerkrankung )).
    Eine Vorbestrahlung selbst kann, muss aber kein Hinderungsgrund sein.


    Patientenalter :
    Bei alten Patienten ist die Katheterisierung bei einem Mainz-Pouch1 problematisch und erfordert entsprechendes Geschick.
    Die Altersgrenze ist dabei individuell festzulegen.


    Kooperation :
    Der Patient muss über die Problematik der Neoblase und die erforderliche Entleerungstechnik informiert sein und diese sowohl geistig als auch körperlich beherrschen


    Einschränkungen der Nierenfunktion :
    Bei eingeschränkter Nierenfunktion ( Serumkreatinwert > 1,8 mg ) kommt es aufgrund der reduzierten Entgiftungsleistung viel häufiger zu - mitunter lebensgefährlichen - Entgleisungen des Stoffwechsels.
    Abflussgestörte Nieren sollten daher mittels Harnleiterschienen oder Nierenfistel über einen ausreichenden Zeitraum entlastet werden, um danach die definitive Leistung zu bestimmen.
    Harnstauungsnieren ohne Funktionsverlust stellen jedoch kein Ausschlusskriterium zu einer Ersatzblasenbildung dar.


    Prognose :
    Bei einer Lebenserwartung von weniger als einem Jahr muss der höhere operative Aufwand einer Neoblase individuell begründet sein.


    Bei den beschriebenen Kontraindikationen, vornehmlich bei schlechter Prognose, hohem Alter oder funktioneller Einnierigkeit, ( Anm.: nur eine Niere arbeitet noch ), werden auch heute noch weltweit die “alten” Verfahren der Harnableitung wie Conduit, Ureterhautfistel oder definierter Nierenfistel praktiziert, und dies in bis zu einem Drittel aller Operationen.


    Quelle :
    Lofric Neoblasenratgeber
    Kontinente Harnableitung
    Prof. Dr. Reinhard Kühn
    Chefarzt der Urologischen Kliniken
    Krankenhaus Martha-Maria
    Stadenstrasse 58
    90491 Nürnberg


    In zwei kleinen, aber wichtigen Teilen irrt der Professor :


    Sowohl die Verschlussraten ( Dichtigkeit ) als auch die Kontinenzraten sind längst nicht so gut, wie uns der gute Mann weismachen will. ( Problem sind vereinzelt Inkontinenzen )
    Etwa 50 % aller Träger einer orthotopen Neoblase sind nächtens und ca. 30 % sind tagsüber inkontinent.


    Über seine Ausführungen hinsichtlich der Alterseinschränkungen will und werde ich mich hier nicht auslassen !
    Ich bin schliesslich auch ein alter Mann, hi, hi......


    Zusammenfassend kann Folgendes gesagt werden :
    Bei "Neoblasen" handelt es sich immer um künstlich gestaltete Blasen aus einem Darmsegment.
    Und hier wird nur unterschieden zwischen "orthotopen Neoblasen" ( mit natürlichem Harnausgang )
    und "nichtorthotopen Neoblasen", ( mit künstlichem Harnausgang ).


    Einen längeren Aufsatz über die orthotope Neoblase und deren "Werdegang" findet ihr hier :
    A_Schilling_Neoblase.pdf


    Gruss


    Eck :ecke: hard

  • Hallo Eckhard,


    ich bin erst seit 5.August 2010 stolzer Besitzer einer Illeum-Neoblase.


    trotz Deiner Einschränkung am Ende des Artikels finde ich den perfekt umfassend und kompetent und auch für 'Laien' gut verständlich.
    Gleiches gilt für Deinen Artikel zum Urinal-Kondom.


    Prädikat: sehr lesenswert

  • Seit dem 04. Februar 2014 bin ich auch 'Besitzer' einer Neoblase und komme inzwischen auch sehr gut damit zurecht.
    Was aber im Detail eigentlich gemacht wurde, wie viel Darm verwendet wurde, wie viele Lymphknoten entfernt wurden, etc. weiß ich nicht.
    In unserer Selbsthilfegruppe in Mannheim erfuhr ich, dass man bei der Klinik, in welcher die OP durchgeführt wurde, den kompletten Operationsbericht anfordern kann, in welchem der Ablauf der Operation detailliert beschrieben ist. Hat das jemand aus dem Mitgliederkreis schon gemacht?

  • Ja, ich habe den OP Bericht in meiner persönlichen Krankenakte. In Niedersachsen wurde ich von zwei Teams operiert. Jetzt, wo Du es erwähnst, den Bericht der Chirurgen habe ich nicht. Die haben nämlich mein Stoma gebastelt. Ich werde mal dort anrufen und auch diesen Bericht anfordern.


    LG
    Wolfgang

    pT4 a, G 3 und CIS, sechs Zyklen Chemotherapie, Gem/Cis


    "wer kämpft, der kann verlieren; wer nicht kämpft, hat bereits verloren"

  • Hallo tanzudo,
    schön, daß es Dir mit der neuen Blase gut geht und du gut damit zurecht kommst.
    Die meisten hier haben ihre Berichte aus der Klinik oder von den Urologen eine Kopie erhalten.
    Du kannst bei deinem Urologen dir eine Kopie von der Tur-B geben lassen wenn es dich noch interessiert.
    Möglicherweise hat der Urologe oder der Hausarzt jenachdem wer die Einweisung ausgestellt hat einen Bericht bekommen. Dort steht die Diagnose drin.
    Den Op-Bericht bekommst du nur im KH. Kannst du aber problemlos anfordern. Anrufen oder E-mail an das Sekretariat, oder vorbei fahren. Kann sein, daß deine KH-Akte schon archiviert ist, dann mußt du dich einige Tage gedulden.
    Gewöhne dir für die Zukunft einfach an,
    Kopie von allen Berichten:
    Laborwerte, Blutgas und Ct- also von allen Nachsorgeuntersuchungen.
    So weißt du selbst immer genau was läuft und kannst auch problemlos mal den Arzt wechseln.
    Schönen Abend und weiterhin viel Gesundheit
    Gruß Ricka