Entscheidung treffen ohne Fakten?

  • Hallo ihr lieben und danke für die Aufnahme hier. Ich hoffe ich kann hier ein paar Fragen los werden und hoffe wirklich auf eure Hilfe.

    Meine Mutter hatte vor ca. 2 Monaten die Diagnose Blasenkrebs pT2 G3 pTisG3 cN1 bekommen... es ging sofort los mit chemo und nach dem ersten zyklus incl. Portinfektion und wieder Entfernung ist wohl das Ergebnis so gut, dass die Blase samt Lymphknoten und Gebärmutter und co jetzt schon raus soll...

    Wir sind ziemlich erstaunt weil alles so schnell geht und wir zur Entscheidung gedrängt werden. Mein Problem dabei ist, dass ich garkeine Ahnung habe was die richtige Entscheidung ist! Auf Nachfragen zu Statistiken gibt es nur Ausflüchte.

    Am ersten Tag im Kkh haben wir eine Dame kennen gelernt, die die chemo und die OP schon hinter sich hatte und jetzt war der Krebs plötzlich im Rückenmark!

    Auf meine Frage an den Arzt wie häufig sowas passiert, konnte er nix sagen.

    Auf meine Frage wie gefährlich die OP für meine Mutter ist, weil sie nur noch 45kg wiegt auch nichts und auf die Frage der Lebenserwartung mit und ohne OP auch nichts (außer Ausflüchte).

    Sie empfehlen aber die OP trotzdem und zwar so schnell wie möglich. Aber das obwohl man im CT nichts mehr vom krebs gesehen hat. Nichts!

    Ist das normal?

    Wir müssen morgen die Entscheidung verkünden :/

    Es ist so surreal etwas raus operieren zu lassen das garnicht weh tut und keinen Befund mehr aufweist.

    Aber warten das er wieder wächst ist ja auch mist !!???

    Wir sind Ratlos

    Danke für eure Antworten! !!

  • Liebe Carmen,


    erstmal herzlich Willkommen in unserem Forum - ich werde erstmal versuchen, Euch den Befund genauer zu erklären, damit ihr diesen auch versteht.


    Leider gibt es nicht den einen Blasenkrebs, der in der Blase wachsen kann. Neben dem Urothelkarzinom, welches ca. 95% aller Tumore in der Blase ausmacht, gibt es noch das Siegelringkarzinom, Siegelringzellkarzinom, Urachuskarzinom, Adenokarzinom und die Neuroendokrinen Tumoren.


    Die Harnblase ist in mehrere Schichten aufgebaut und deshalb unterscheidet man in oberflächliche und muskelinvasive Tumore




    Zu den oberflächlichen Tumoren zählen:

    - CIS

    - pTa

    - pT1


    zu den muskelinvasiven Tumoren zählen alle ab einem Stadium von pT2x


    Weiterhin gibt es dann noch das Grading, welches angibt, wie nah die Tumorzellen noch an den Orginalzellen sind.

    Dabei gibt es zwei unterschiedliche System, laut WHO z.b. nur noch in low risk oder high risk oder die Bezeichnung G1, G2 oder G3.


    Bei G1 (low risk) - Tumoren, sind die Tumorzellen noch relativ nah am Orginal und somit noch nicht so stark mutiert.


    G2 - Tumoren können als low bzw. high risk eingestuft werden, hier ist die Zellveränderung schon deutlich zu sehen.


    Bei G3 - Tumoren erkennt man kaum noch die Originalzelle.






    Bei oberflächlich wachsenden Tumoren also Tumoren im Stadium pTa + pT1 und der Sonderform des CiS ist oftmals noch eine blasenerhaltende Therapie möglich. Ab einem Tumorstadium von pT2 nicht mehr.


    Warum ist bei einem pT2 - Tumor keine Blasenerhaltung mehr möglich:

    Das Tumorstadium besagt, dass der Tumor schon die Blasenmuskulatur erreicht hat - sodass hier die Gefahr besteht, dass der Tumor schon Anschluss an eine Vene bzw. an das Lymphsystem des Körpers gefunden hat. Weiterhin kann innserhalb weniger Wochen, aus einem pT2 ein pT4 - Tumor werden.

    Daher ist schnelles handeln sehr wichtig. Zwischen letzter TUR-B und Blasenentfernung sollte dann max. 6 Wochen liegen, alles was darüber hinaus geht, wird den Ausgangsbefund oftmals maßgeblich verschlechtern - da eben der Tumor Zeit hat, weiter zu wachsen - Anschluss an eine Vene zu finden und so Tumorzellen in den Blutkreislauf einzubringen. Was dann zu Fernmetastasen in Leber / Nieren ; Lunge und eventuell Hirn führen kann (das sind die Hauptverbreitungswege) - letztlich kann es auch passieren, dass sich Fernmetastasen an den Knochen bilden - welches dann kaum noch in den Griff zu bekommen ist.


    Soweit erstmal der Befund und was es bedeutet.


    Nun speziell zu deiner Mutter:

    Der Tumor bei deiner Mutter hat schon Anschluss an das Lymphsystem gefunden, denn sonst wäre ein Lymphknotenbefall nicht vorhanden. Im Befund steht "cN1" und dies bedeutet eben:

    c = clinisch (klinisch)

    N1 = zunehmender Lymphknotenbefall abhängig von der Lokalisation des Primärtumors.


    Durch diesen Lymphknotenbefall wollte man eine neoadjuvante Chemotherapie durchführen, um eine weitere Ausbreitung von Krebszellen im Lymphsystem und vielleicht auch dem Blutkreislauf zu verhindern.

    Das die Chemo nicht fortgesetzt werden kann - macht eine schnelle OP zwingend erforderlich - ES gibt keine andere Option!!!

    Auf Nachfragen zu Statistiken gibt es nur Ausflüchte.

    Am ersten Tag im Kkh haben wir eine Dame kennen gelernt, die die chemo und die OP schon hinter sich hatte und jetzt war der Krebs plötzlich im Rückenmark!

    Auf meine Frage an den Arzt wie häufig sowas passiert, konnte er nix sagen.


    Das mit Statistiken kannst du vollkommen vergessen - denn wer will denn für jedes Tumorstadium, für jedes Grading, für zusätzlich Lymphgefäß und / oder Veneninvasion, Fernmetastasen usw. eine je eine Statistik führen - vorallem weil bei jedem, der Krebs auch unterschiedlich schnell wächst.

    Daher sind Statistiken zwar ein schönes "Beiwerk" sagen aber nicht aus, über den möglichen Krankheitsverlauf deiner Mutter.


    Weiter, mit der Dame die ihr im Krankenhaus kennengerlernt habt - wenn ihr Tumor schon so weit gewachsen war, dass der Tumor Anschluss an eine Vene gefunden hat - dann verschlechtert dies die Ausgangslage - denn dann ist es fast "Zwangsläufig", dass sich Tumorzellen die schon im Blutkreislauf sind, sich irgendwo ansiedeln und Metastasen wachsen. Wie häfig so etwas passiert - hängt immer auch vom Tumorstadium ab.


    Fazit: Je schneller jetzt reagiert wird, je besser sind die Überlebenschancen - aber es gibt eben keine Garantie, dass man den Krebs überlebt.


    Gruß

    AndreasW


    22.06.2012 erste [lexicon='TUR-B'][/lexicon] apfelgrosser [lexicon='Tumor'][/lexicon] wurde soweit wie sichtbar entfernt
    03.07.2012 Tumorklassifikation:
    ICD-0: C67 M8130/21 G1 pTa pNx pMx l0 v0 Rx
    22.10.2012 zweite [lexicon='TUR-B'][/lexicon], diesmal ohne Befund
    16.12.2013 dritte [lexicon='TUR-B'][/lexicon], 5 rezidive wurden entfernt. high grad (rpTa)
    24.06.2016 vierte [lexicon='TUR-B'][/lexicon], ein [lexicon='rezidiv'][/lexicon] pTa G1

    „I am the master of my fate, I am the captain of my soul“

  • Danke Andreas für deine Antwort!

    Wir werden es wohl machen müssen, es ist eben schwer einzusehen ob es wirklich keine Alternativen gibt...

    Aber man will natürlich auch nichts riskieren und wenn es so ist muss man ja froh sein, dass es diese op überhaupt gibt.. trotzdem ein so schwerer Schritt!

    Danke

  • Andreasw hat bereits alles erklärt. Ich kann nach meinen Informationen nur sagen, es scheint gar keine Alternative zu einer radikalen OP zu geben. Eher wäre es ratsam, so schnell wie möglich zu operieren. Ich verstehe die Sorgen, man könnte etwas falsch machen, zu früh operieren oder die Blase usw leichtfertig entfernen zu lassen. Das scheint mir hier aber nicht der Fall zu sein.

    Man muß wohl die OP als einzige Möglichkeit akzeptieren um sinnvoll gegen den Krebs vorzugehen.

    Eine schwere Entscheidung, aber manchmal gibt es einfach keine gangbare Alternative. Immerhin gibt es diese OP.

    Ich wünsche euch einen guten weiteren Verlauf

  • Danke auch euch Wolfgang und Maho,

    Wir werden es tun und hoffen, dass es gut geht.

    Es ist gut zu wissen das es so viele hier schon geschafft haben und damit leben können.

    Meine Mutter ist aufgrund von Schlaganfällen halbseitig stark eingeschränkt. Habt ihr vllt Vorschläge für Beutel die mit einer Hand bedienbar sind?

    Ich habe sorge, dass sie sonst schnell damit überfordert ist.

    Danke schon mal für eure tipps :)

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