Hallo Paul85 , ich habe etwas gezögert, dir zu antworten, da die Situation deiner Mutter aufgrund ihres hohen Alters sehr speziell ist. Ich tue es jetzt doch, in der Hoffnung, nicht missverstanden zu werden.
Mein Vater hatte Anfang 2024, im Alter von 89 Jahren, nach 2 TUR-Bs eine ähnliche Diagnose wie deine Mutter (muskelinvasives Urothelkarzinom mind. pT2 G3). Vorangegangen war ein Prostatakarzinom, das vor etwa zehn Jahren radiologisch behandelt und anschließend mit Hormonen behandelt wurde und seitdem unter Kontrolle ist. Da er aufgrund seines Alters und körperlicher Einschränkungen sehr gebrechlich ist (er ist zwar mobil, aber nur mit Rollator), riet sein Urologe sowohl von einer Zystektomie als auch von einer Chemotherapie ab, da er dies kaum überstehen würde, ohne bettlägerig zu werden. Für mich brach natürlich eine Welt zusammen, da ich aufgrund meiner eigenen Erfahrung und der Erfahrungen hier im Forum weiß, wie wichtig eine zeitnahe Behandlung ist. Ich ging daher mit meinem Vater in ein onkologisches Zentrum, wo ich selbst in Behandlung bin und an das eine Radiologie angeschlossen ist, um eine kompetente Zweitmeinung einzuholen. Dort wurde sein Fall von einem Tumorboard aus Onkologen und Radiologen besprochen, und sie kamen zum selben Ergebnis wie der Urologe: Eine Zystektomie und/oder Chemotherapie sei aufgrund seiner Gebrechlichkeit nicht anzuraten. Eine Radiotherapie sei wegen der vorangegangenen Bestrahlung der Prostata nicht möglich und eine Immuntherapie wegen eines nur schwach positiven PDL 1-Status nicht günstig. Mit anderen Worten: Außer den erfolgten TURBs mit Abtragung des Tumors und Spülung mit Mitomycin konnte nichts weiter unternommen werden. Es wurde entschieden, nur Blasenspiegelungen im Abstand von drei Monaten zu machen und gegebenenfalls wieder eine TURB. Das nennt sich "best supportive care". Zuerst war ich natürlich sehr skeptisch über diese Entscheidung und sah bereits das Schlimmste kommen. Ich verstand jedoch auch die Argumentation der Ärzte (wie gesagt, mehrerer aus verschiedenen Fachrichtungen). Natürlich hätte man eine Zystektomie vornehmen können, aber was nützt einem ein längeres Leben, wenn man dies bettlägerig verbringen muss? Hier ist die Abwägung zwischen Lebenslänge und Lebensqualität.
Das war wie gesagt vor zwei Jahren. Inzwischen ist mein Vater 91, immer noch mit dem Rollator mobil, glücklicherweise auch geistig fit, er wohnt alleine, macht seinen Haushalt, geht einkaufen und gerne gut essen. Er genießt sein Leben im Rahmen des Möglichen. Und alle Kontrollspiegelungen waren bisher sauber, er hat auch kein Blut mehr im Urin. Für mich grenzt das fast an ein Wunder, aber eines, das hoffentlich noch lange anhält und für das ich sehr dankbar bin.
Ich habe hier im Forum noch nie über seine Entwicklung berichtet (es nur ganz am Anfang einmal erwähnt, als er die Diagnose bekam), da ich nicht wollte, dass jemand daraus den Schluss zieht, dass es eine Option sei, auf die Zystektomie oder eine ähnliche Therapie (wie die Trimodale Therapie) zu verzichten. Es soll kein Paradebeispiel dafür sein, dass es auch ohne Behandlung gutgehen kann. Ich weiß, dass mein Vater sehr viel Glück hatte, und auch, dass ein so positiver Verlauf über zwei Jahre nicht selbstverständlich ist. Ich schreibe es jetzt, um dir, deiner Mutter und deiner Familie Mut zu machen. Wenn deine Mutter körperlich in der Lage ist, die Zystektomie durchzustehen, dann ist das absolut die bessere Option. Wenn nicht, bedeutet es nicht automatisch ein Todesurteil. Man weiß nie, wie eine Krebserkrankung sich individuell entwickelt. Ich bin der Meinung, dass man immer alles tun sollte, um den Krebs zu bekämpfen, soweit dies möglich ist. Nur verzweifeln sollte man nie.
Deiner Mutter und eurer ganzen Familie alles Gute
Claudia