alice_95 - Vater hat einen Blasentumor pT1

  • Hallo,


    mein Name ist Carmen und wir haben gestern den Befund des Blasentumors meines Vaters erhalten. Er wurde im Rahmen von regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen entdeckt.

    Auf dem Befund steht:


    Anteile eines gering differenzierten papillären Urothelkarzinoms (G3) mit herdförmiger Infiltration des suburothelialen Bindegewebes, klinisch BD, pT1, G3



    Es wurde eine Transurethrale Resektion der Harnblase vorgenommen und als Nachbehandlung wurde eine TUR-B Nachresektion empfohlen. Als Therapie soll dann eine Chemo in Form von Blasenspülungen gegeben werden.


    Mein Vater ist schon 83 Jahre alt, aber außer dass er schwerhörig ist, ist er körperlich und geistig sehr fit. Er war quasi nie richtig krank und jetzt ist er am Boden zerstört. Ich glaube er fürchtet sich mehr vor dem Gedanken pflegebedürftig zu werden als zu sterben.


    Ich bin noch so unwissend und unsicher im Umgang mit der Diagnose und hoffe, durch das Forum etwas Licht ins Dunkel zu bekommen.


    LG Carmen

    Ich schreibe hier für meinen 83-jährigen Vater.


    Erste Diagnose 09/2018 pT1, G3

  • rainer

    Hat das Thema freigeschaltet
  • Liebe Carmen,


    erstmal herzlich Willkommen in unserem Forum und ich werde gleich versuchen, etwas "Licht ins Dunkel der Histologie" zu bringen.


    Die Harnblase ist in mehrere Schichten aufgebaut und deshalb unterscheidet man in oberflächliche und muskelinvasiv wachsende Tumore.



    Zu den oberflächlichen Tumoren zählen:

    - CIS

    - pTa

    - pT1


    zu den muskelinvasiven Tumoren zählen alle ab einem Stadium von pT2x


    Weiterhin gibt es dann noch das Grading, welches angibt, wie nah die Tumorzellen noch an den Orginalzellen sind.

    Dabei gibt es zwei unterschiedliche System, laut WHO z.b. nur noch in low risk oder high risk oder die Bezeichnung G1, G2 oder G3.


    Bei G1 (low risk) - Tumoren, sind die Tumorzellen noch relativ nah am Orginal und somit noch nicht so stark mutiert.

    G2 - Tumoren können als low bzw. high risk eingestuft werden, hier ist die Zellveränderung schon deutlich zu sehen.

    Bei G3 - Tumoren erkennt man kaum noch die Originalzelle.


    Soweit erstmal die etwas allgemeine Erklärung des Befundes - nun werde ich speziell auf den Befund deines Vaters eingehen incl. der Optionen die sich daraus ergeben.





    Ein pT1 G3 - Tumor ist ein Tumor, der das Bindegewebe der Blase erreicht hat, dieses Bindegewebe ist eine Schicht zwischen der zweischichtigen Blasenmuskulatur und der Blasenschleimwand. Daher zählt dieses Tumorstadium noch zu den "oberflächlich gewachsenden Tumoren".

    Aufgrund dieses Tumorstadiums und des Gradings muss eine zweite TUR-B durchgeführt werden, diese nennt man Nachresektion und dient dazu, nochmals genau zu schauen, ob der Tumor vollständig entfernt wurde - dazu wird der Tumorgrund und die Seitenränder nochmals "nachgeschnitten" und pathologisch untersucht und ein weiterer histologischer Befund erstellt.


    Beide Befunde bilden dann die Grundlage für das weitere vorgehen.

    Sollte sich der Befund durch die zweite TUR-B nicht verschlechtern, so ist eine blasenerhaltende Therapie sicherlich versuchbar. Aber:


    Laut den Leitlinien zur Behandlung von Blasenkrebs wäre eine Instillationstherapie mit BCG angesagt - BCG sind abgeschwächte Tuberkulosebakterien, die in die Blase gegeben werden und dort zwei Stunden verbleiben müssen.

    Diese Therapie hat aber enorm starke Nebenwirkungen, die schon wesentlich jüngere Patienten an ihre Grenzen bringt - daher spricht man bei deinem Vater von einer "Chemotherapie".

    Dies ist eine Instillationstherapie mit Mitomycin, dieses Medikament wird mit Katheder in die Blase gegeben und muss auch zwei Stunden in der Blase verbleiben, danach wird es ausgeschieden, indem man auf die Toilette geht.

    Diese Therapieform ist leichter verträglich als es die BCG-Therapie wäre aber dafür eben auch nicht ganz so effektiv bei einem pT1 G3.


    Hier muss eben sehr genau abgewägt werden zwischen Alter des Patienten, Nebenwirkungen, Lebensqualität und Therapieerfolg.


    Persönlich bin ich der Meinung, dass man es mit Mitomycin versuchen sollte - auch wenn es eben nicht die "Standard-Therapie" bei einem pT1 G3 ist - aber durch das Alter und den fast vollständigen Verlust von Lebensqualität bei einer BCG-Therapie sollte man zumindest versuchen, das Auftreten von Rezidiven zeitlich hinaus zu zögern.


    Hier findest du ein Merkhft zur Mitomycin-Therapie:


    Wie wird sich die Mitomcin-Therapie gestalten:

    es gibt eine Initialtherapie mit 8 Instillationen im wöchentlichen Abstand (also 1x pro Woche über 8 Wochen).

    Gefolgt von einer Erhaltungsphase von je einer Instillation pro Monat für die Dauer von 12 bis max. 36 Monaten.


    Auf was sollte dein Vater achten:

    ca. 1 1/2 Stunden nach der Instillation sollte er beginnen mit trinken - dazu bieten sich stilles Mineralwasser oder Tee´s an - kohlensäurehaltige Getränke sind weniger geeignet.

    Je mehr er die nächsten Stunden trinkt, je schneller und besser wird das Mitomycin dann aus der Blase gespült und je geringer sind die Nebenwirkungen.


    Wichtig dabei: Nach jedem Toilettengang sollte der Intimbereich incl. Vorhaut + Eichel mit warmen Wasser und einer parfümfreien pH-neutralen Seife gewaschen werden - sonst kann es zu allergischen Reaktionen auf den "Schleimhäuten" kommen.


    Weiterhin kann es an den Fingern, Händen und Füßen zu einer "Bläschenbildung" kommen - diese dann sofort mit Fenistil-Gel einreiben.


    Soweit erstmal meine Informationen dazu.


    Gruß

    AndreasW

    22.06.2012 erste [lexicon='TUR-B'][/lexicon] apfelgrosser [lexicon='Tumor'][/lexicon] wurde soweit wie sichtbar entfernt
    03.07.2012 Tumorklassifikation:
    ICD-0: C67 M8130/21 G1 pTa pNx pMx l0 v0 Rx
    22.10.2012 zweite [lexicon='TUR-B'][/lexicon], diesmal ohne Befund
    16.12.2013 dritte [lexicon='TUR-B'][/lexicon], 5 rezidive wurden entfernt. high grad (rpTa)
    24.06.2016 vierte [lexicon='TUR-B'][/lexicon], ein [lexicon='rezidiv'][/lexicon] pTa G1

    „I am the master of my fate, I am the captain of my soul“

  • Hallo Andreas,


    wow, vielen Dank für die ausführliche Erklärung! Die zweite OP wird am 22.11. stattfinden.


    Bei der ersten OP hat er glaub ich vorbeugend schon so eine Spülung bekommen, ich meine so etwas im Bericht gelesen zu haben. Er meinte es war eine blaue Flüssigkeit, die aber wieder abgezogen wurde. Was es genau war müsste ich erst nachlesen.

    Ich bin erstaunt, dass diese Spülungen doch so schlimme Nebenwirkungen haben. Der Urologe meinte dass er davon kaum etwas merken würde.


    Mein Vater meinte gestern, wenn er jetzt schon wüsste dass diese Behandlungen nix mehr bringen würden, würde er sich gar nicht mehr behandeln lassen. Das war für mich ein Schlag in die Magengrube. Andererseits kann ich seine Angst verstehen.


    Jetzt müssen wir erst mal den 22.11. abwarten und sehen was für einen Befund die Nachresektion bringt. Ein bisschen konnte mich meine Hausärztin beruhigen, die meinte dass der Krebs in diesem hohen Alter langsamer wächst.


    Ich habe meinen Ehemann 1992 an Lungenkrebs verloren, das war eine sehr schlimme Zeit für mich und ich habe die Erinnerung daran irgendwie verdrängt, aber jetzt kommt das alles wieder hoch und ich hoffe wirklich dass mein Vater nicht auch so eine Leidensgeschichte erleben muss.


    Liebe Grüße Carmen

    Ich schreibe hier für meinen 83-jährigen Vater.


    Erste Diagnose 09/2018 pT1, G3

  • Liebe Carmen,


    1. die Frühinstillation direkt nach der OP:


    Ja, das wird Mitomycin gewesen sein, was dein Vater da beschreibt. Nach der TUR-B kommt er ja aus der OP mit einem Katheter in der Blase, dieser Katheter hat neben mindestens einem "Eingang" eben auch einen "Ausgang".

    Bei einer Frühinstillation mit Mitomycin wird diese Flüssigkeit per "Spritze" über den Eingang des Katheter in die Blase gegeben und zeitgleich der Ausgang des Katheters verschlossen - sodass das Mitomycin eben in der Blase verbleibt.

    Nach knapp zwei Stunden kommt dann eine Krankenschwester oder Krankenpfleger wieder vorbei und öffnet den Katheterausgang wieder und das Mitomycin + der Urin läuft aus der Blase heraus in einen Bett-Beutel.

    Nachdem der Ausgang nun wieder offen ist - wird die Blasenspülung fortgesetzt - die Blasenspülung nach der TUR-B ist Kochsalzlösung, die meißt über ca. 12 Stunden (über Nacht) durchgeführt wird - am Folgetag wird dann geschaut, ob die Spülflüssigkeit im Bettbeutel klar ist und kaum bis kein Blut mehr darain vorhanden ist. Ist dies der Fall - dann wird diese Spülung mit der Kochsalzlösung beendet.


    2. ob Mitomycin etwas bringt:


    Ohne eine Medikamentöse Therapie hat der Blasenkrebs bei deinem Vater eine sehr hohe Rezidiv - und Progressionswahrscheinlichkeit. Mitomycin senkt die Redzidivwahrscheinlichkeit um ca. 15 % auf ca. 50% . Auf ein Tumorprogress hat Mitomycin keinen Einfluß.

    Daher habe ich Dir ja schon gesagt, dass es ehr darum geht, das erneute auftreten von Rezidiven zeitlich etwas nach hinten zu verschieben.


    Durch eine engmaschige Kontrolle (aller 3 Monate eine Blasenspiegelung) würde man Rezidive frühzeitig erkennen und man kann dann über weitere TUR-B´s die rezidive entfernen. Wir haben Mitglieder, bei denen bis zu 20 TUR-B durchgeführt wurden.

    Aber man darf sich eben auch nix vor machen - jede TUR-B führt zu einer "Vernarbung der Blasenmuskulatur - und durch diese Vernarbung leidet dann auch die Dehnbarkeit der Blase.


    Gruß

    AndreasW

    22.06.2012 erste [lexicon='TUR-B'][/lexicon] apfelgrosser [lexicon='Tumor'][/lexicon] wurde soweit wie sichtbar entfernt
    03.07.2012 Tumorklassifikation:
    ICD-0: C67 M8130/21 G1 pTa pNx pMx l0 v0 Rx
    22.10.2012 zweite [lexicon='TUR-B'][/lexicon], diesmal ohne Befund
    16.12.2013 dritte [lexicon='TUR-B'][/lexicon], 5 rezidive wurden entfernt. high grad (rpTa)
    24.06.2016 vierte [lexicon='TUR-B'][/lexicon], ein [lexicon='rezidiv'][/lexicon] pTa G1

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  • Hallo Andreas,


    ich habe jetzt hier im Forum den Beitrag über "Immunocyanin" gelesen. Ist das Medikament inzwischen zugelassen und wäre das bezüglich des hohen Alters meines Vaters und der schlimmen Nebenwirkungen bei der Gabe der anderen Lösungen eine vertäglichere Option?


    Ich möchte beim nächsten Arztbesuch möglichst gut vorbereitet sein, daher verzeih mir meine vielen Fragen.


    Liebe Grüße Carmen

    Ich schreibe hier für meinen 83-jährigen Vater.


    Erste Diagnose 09/2018 pT1, G3

  • Liebe Carmen,


    Immunocyanin ist in Deutschland nicht zugelassen, der Hersteller biosyn hat zwar vor Jahren gegen die Nichtzulassung in Deutschland Widerspruch eingelegt - aber seither ist er untätig - sodass das Verfahren ruht.

    Es gibt auch ein Urteil des Bundessozialgerichtes, wonach Krankenkassen die Kosten für dieses Medikament nicht übernehmen dürfen.


    Zitat aus dem Urteil:

    "Der Vertrieb eines Medikaments und die Erstattung durch die gesetzliche Krankenkasse seien in Deutschland verboten, solange Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit nicht in Deutschland oder EU-weit geprüft worden seien. Dies verstoße nicht gegen die europarechtliche Dienstleistungs- und Warenverkehrsfreiheit. (AZ.: B 1 KR 21/02 R)"


    Bezüglich Nebenwirkungen:


    - BCG hätte enorme Nebenwirkungen für deinen Vater, aber dein Vater bekommt aufgrund seines Alters eben kein BCG


    sondern:


    - er bekommt Mitomycin, welches deutlich weniger Nebenwirkungen hat - aber eben auch weniger Effektiv bei einem pT1 G3 ist.


    Gruß

    AndreasW

    22.06.2012 erste [lexicon='TUR-B'][/lexicon] apfelgrosser [lexicon='Tumor'][/lexicon] wurde soweit wie sichtbar entfernt
    03.07.2012 Tumorklassifikation:
    ICD-0: C67 M8130/21 G1 pTa pNx pMx l0 v0 Rx
    22.10.2012 zweite [lexicon='TUR-B'][/lexicon], diesmal ohne Befund
    16.12.2013 dritte [lexicon='TUR-B'][/lexicon], 5 rezidive wurden entfernt. high grad (rpTa)
    24.06.2016 vierte [lexicon='TUR-B'][/lexicon], ein [lexicon='rezidiv'][/lexicon] pTa G1

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